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Tiger, Nashorn und Co. (Teil 2)

i-Punkt Ausgabe 01/2007

Sicherheit

 

Serie: Arbeitssicherheit in der Wildtierhaltung
Wer die so oder ähnlich lautende wöchentliche Zoo-Reportage verfolgt, gewinnt allzu schnell den Eindruck handzahmer Streichelidylle. Doch die Haltung von gefährlichen oder besonders gefährlichen Tieren erfordert zum Schutz der Beschäftigten besondere sicherheitstechnische Vorkehrungen. Jüngste Ereignisse haben dies auf besonders tragische Weise wieder in den Blickwinkel der Öffentlichkeit gezerrt. Diese Serie erläutert die aktuellen Regeln in der Wildtierhaltung.

In der Regel für Sicherheit und Gesundheit (RSG) werden für die Gehege der Sicherheitsstufe (S) II und I geringere bzw. wesentlich geringere Anforderungen als für Gehege der Sicherheitsstufe III unter Berücksichtigung des Risikos des Tieres/der Tiergruppe und der Haltungsbedingungen vorgegeben.

Auf die Gehege der Sicherheitsstufe A (Aquarien) und T (Terrarien) sind die baulichen Anforderungen an Gehege der Sicherheitsstufen III, II und I nicht anwendbar, weil an diese andere geeignetere sicherheitstechnische Maßnahmen sowie Gestaltungsgrundsätze gestellt werden und tierspezifische Möglichkeiten der Abtrennung bzw. Abschieberung vorzusehen sind. Terrarien und Aquarien müssen so gestaltet sein, dass Tiere nicht entweichen und Personen nicht gefährdet werden können. Möglichkeiten zur Trennung von Versicherten und besonders gefährlichen Tieren oder gefährlichen Tieren sind anzuwenden.

Bei der Gestaltung von Durchfahrgehegen (Sicherheitsstufe D) gilt ebenso das Grundanliegen, dass Tiere nicht entweichen und Personen nicht gefährdet werden können. Gleichermaßen finden die Anforderungen je nach Tier/ Tierbestand an Gehege der Sicherheitsstufen III, II oder I sowie A (Aquarien) und T (Terrarien) Anwendung. Zusätzlich sind die Besonderheiten an die Gestaltung von Schutzbereichen, von Zuund Ausfahrten, von Fahrzeugaufbauten sowie von Bergemaßnahmen u. v. a. zu berücksichtigen.

In der RSG werden sowohl die speziellen Hilfseinrichtungen zur Haltung von gefährlichen oder besonders gefährlichen Tieren wie z. B. Tierfanggeräte, Behälter für Tiertransporte, etc. eingehend beschrieben als auch der Umgang mit gefährlichen oder besonders gefährlichen Tieren.
Da der Umgang mit gefährlichen oder besonders gefährlichen Tieren ein Schwerpunkt in den Einrichtungen der Wildtierhaltung darstellt, werden nachfolgend die wesentlichen Anforderungen zusammengefasst.

Betreten des Geheges

Gehege dürfen nur betreten werden, wenn sie zuvor freigeschiebert wurden. Wenn der Kontakt zu besonders gefährlichen Tieren möglich ist, muss zu einem Mitarbeiter eine Ruf- oder Sichtverbindung bestehen, der bei Gefahr in der Lage ist einzugreifen.

Das Betreten ist ausnahmsweise zulässig, wenn eine Gefährdungsbeurteilung durchgeführt und Maßnahmen zum Schutz der Versicherten getroffen wurden. Beziehen Sie in Ihre Gefährdungsbeurteilung u.a. ein:

  • individuelle Tiereigenschaften,
  • besondere Erregungszustände, Fluchtund Angriffsdistanz,
  • Alter des Tieres,
  • Gehegegröße und -struktur,
  • einsetzbare Abwehrgeräte und Persönliche Schutzausrüstung (PSA),
  • Ausbildung und Erfahrung des Tierpflegers.

Das ausnahmsweise Betreten kann notwendig sein zur Behandlung, zur Verabreichung von Medikamenten, zur Pflege, zum Einfangen, zum Training von Tieren für Schauvorführungen durch extra benannte Versicherte oder zur Rettung von Personen aus akuter Gefahr.

Voraussetzung für das Betreten von mit gefährlichen oder besonders gefährlichen Tieren besetzten Gehegen ist, dass eine Gefährdungsbeurteilung existiert. Auf deren Grundlage wurde eine Betriebsanweisung erstellt und die dort festgelegten Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit werden auch beachtet.

Schieber und ihre Handhabung

Sicherung eines Schiebers mit einem Vorhängeschloss gegen die Betätigung durch Unbefugte
Sicherung eines Schiebers mit einem Vorhängeschloss gegen die Betätigung durch Unbefugte
Gehege der Sicherheitsstufe III mit abgewinkelten Schleusen
Gehege der Sicherheitsstufe III mit abgewinkelten Schleusen

Alle Schieber, die zu mit Tieren besetzten Nachbargehegen führen, sind zu schließen sowie gegen das Öffnen durch Tiere zu sichern (S I und S II: einfach; S III: zweifach). Alle Schieber, die zu mit Tieren besetzten Nachbargehegen führen, sind bei Gehegen der Sicherheitsstufen S I, S II und S III gegen das Öffnen durch Unbefugte zu sichern (S I und S II: einfach, S III: zweifach).

Alle Schieber, die zu mit Tieren besetzten Nachbargehegen führen, sind bei Gehegen der Sicherheitsstufe (S) III mit einer persönlichen Sicherung gegen irrtümliches oder unbefugtes Betätigen zu sichern. Bei Reparaturen am Schieber sind beide angrenzenden Gehege freizuschiebern.

 

 

 

Zugang zum Außengehege für besonders gefährliche Tiere, wenn ein vom Gebäude unabhängiger Zugang gewünscht ist
Zugang zum Außengehege für besonders gefährliche Tiere, wenn ein vom Gebäude unabhängiger Zugang gewünscht ist
Sicherer Standort bei der Schieberbetätigung
Sicherer Standort bei der Schieberbetätigung
Sicherer Standort bei der Schieberbetätigung

Türen

Eine Gittertür gewährleistet die volle Einsehbarkeit der Schleuse
Eine Gittertür gewährleistet die volle Einsehbarkeit der Schleuse

Äußere Schleusentüren von S III-Gehegen dürfen nur geöffnet werden, wenn die innere Schleusentür geschlossen ist. Innere Schleusentüren von S III-Gehegen dürfen nur geöffnet werden, wenn die äußere Schleusentür geschlossen ist. Nach Verlassen der Gehege sind die Türen zu sichern, S I und S II: einfach, S III: zweifach.

 

 

 

 

Riegel als Türverschluss für gefährliche Tiere
Riegel als Türverschluss für gefährliche Tiere
Türsicherung in einem Gehege für besonders gefährliche Tiere
Türsicherung in einem Gehege für besonders gefährliche Tiere
Mit zwei Schlössern doppelt gesicherte Gehegetür an einem Gehege für Löwen
Mit zwei Schlössern doppelt gesicherte Gehegetür an einem Gehege für Löwen
Mit Verschraubungen gesicherte Gehegetür ohne Schleuse
Mit Verschraubungen gesicherte Gehegetür ohne Schleuse

Arbeiten zwischen Gehegeeinfriedungen und Umwehrung oder Bedienungsgang

Wird in diesem Bereich gearbeitet und ist der Kontakt mit einem gefährlichen oder besonders gefährlichen Tier nicht durch Gehegeeinfriedung verhindert, ist das Gehege freizuschiebern und ein ausreichender Sicherheitsabstand einzuhalten.

Unzulässige Arbeitsweise bei Arbeiten hinter der Umwehrung
Unzulässige Arbeitsweise bei Arbeiten hinter der Umwehrung
Glaswand als Einfriedung (keine Umwehrung erforderlich)
Glaswand als Einfriedung (keine Umwehrung erforderlich)

Beim Einfangen

Setzen Sie nur ausgebildete und erfahrene Tierpfleger ein. Benennen Sie eine weisungsberechtigte Aufsichtsperson. Jugendliche können nur unter Aufsicht eines fachkundigen Tierpflegers eingesetzt werden und so weit es das Ausbildungsziel erfordert. Stellen Sie in ausreichender Menge Tierfang- und Abwehrgeräte sowie PSA bereit und sichern Sie die bestimmungsgemäße Benutzung der bereitgestellten Geräte und PSA. Sichern Sie Tiertransportbehälter beim Einsperren und Hinauslassen der Tiere gegen Verrutschen und Kippen.

Bei Behandlung

Fixieren Sie die zu behandelnden Tiere, benutzen Sie Behandlungsstände oder stellen Sie die Tiere ruhig. Setzen Sie Medikamente zur Ruhigstellung ein, muss die erforderliche Sachkunde vorliegen. Halten Sie eine ausreichende Menge an Gegenmitteln am Behandlungsort bereit.

Umgang mit Gifttieren in Terrarien

Solange ein mit Gifttieren besetztes Gehege geöffnet ist, muss stets ein weiterer Beschäftigter anwesend sein. Dieser muss als Ersthelfer ausgebildet sein und über die Zusatzausbildung „Gifteinwirkung“ verfügen. Der Raum, in dem sich das Gehege befindet, muss geschlossen und gegen Betreten durch Unbefugte gesichert sein. Für die Fütterung und Pflege sind erforderliche Fanggeräte, Abwehrgeräte und Hilfsmittel bereitzuhalten und zu verwenden. Bedienöffnungen oder Türen sind nach dem Verlassen des Geheges einfach zu sichern.

Spezielle Maßnahmen der Ersten Hilfe

Treffen Sie tierspezifische Notfallmaßnahmen für den Fall einer Gifteinwirkung (Nachweis). Es dürfen nur Tierpfleger beschäftigt werden, die als Ersthelfer ausgebildet sind, einschließlich einer Zusatzausbildung „Gifttiere“. Treffen Sie Absprachen mit medizinischen Einrichtungen vor Ort zu weiterführenden Behandlungen (Nachweis). Es müssen in ausreichender Menge und Wirksamkeit Seren gegen Gifteinwirkungen rechtzeitig zur Verfügung stehen. Sind diese für bestimmte Gifttiere nicht verfügbar, ist bei anzunehmender Lebensgefahr eine Haltung der Gifttiere nur zulässig, wenn für alle anfallenden Arbeiten der Kontakt zwischen dem Tier und dem Beschäftigten durch technische Maßnahmen ausgeschlossen wird. 

Anforderungen an den innerbetrieblichen Arbeitsschutz:

Für die Haltung von Gifttieren sind nur speziell ausgebildete Tierpfleger einzusetzen. Bei der Haltung von gefährlichen und besonders gefährlichen Tieren muss eine ausreichende Zahl an Tierpflegern zur Verfügung stehen, während der Betriebszeit ist die Anwesenheit mindestens eines Tierpflegers vorgeschrieben. Ein vom Unternehmer bestellter Aufsichtsführender muss während der Arbeiten anwesend sein. Jugendliche unter 18 Jahren dürfen nicht beschäftigt werden (Ausnahme: Tätigkeiten, die zur Berufsausbildung erforderlich sind und dann nur unter ständiger Aufsicht durch einen Fachkundigen).

Erste-Hilfe-Organisation

Es muss eine ausreichende Zahl von aus- und fortgebildeten Ersthelfern zur Verfügung stehen (§ 26 GUV-V A1). Deren Zahl ist bei räumlich ungünstigen Verhältnissen zu erhöhen.

Lassen Sie offene Wunden sofort versorgen und tragen Sie Erste-Hilfe-Leistungen im Verbandsbuch ein. Bei der Ausbildung in der Ersten Hilfe sind zusätzlich Kenntnisse zur Versorgung von Verletzungen zu vermitteln, die die besonderen Gefährdungen berücksichtigen, wie Tiergifte, Gefahrstoffe/Chemikalien, Taucherarbeiten oder Arbeiten in Wasseraufbereitungsanlagen.

Betriebsanweisungen (BA)

Stellen Sie BA in verständlicher Form und Sprache auf. BA sind bekannt zu machen. Legen Sie diese an gut sichtbarer Stelle aus. Versicherte müssen BA bzw. tierartspezifische BA beachten!

Unterweisungen

Ihre Beschäftigten sind vor der Arbeitsaufnahme zu unterweisen, danach regelmäßig, mindestens jährlich. Zur Unterweisung gehören auch:

  • Inhalte der BA und Alarm- und Notfallpläne,
  • Bedienung von Feuerlöschern,
  • Brandschutzübungen,
  • Umgang mit Gefahrstoffen und andere spezifische Betriebsregelungen.

Dokumentieren Sie Ihre Unterweisungen schriftlich, am besten in einem Unterweisungsbuch.

Alarm- und Notfallpläne

Stellen Sie Alarmpläne für Brand, Tierausbruch oder Einwirkung durch Tiergifte auf. Für den Alarm- und Notfall sind Einrichtungen zur Information der Versicherten vorzuhalten.

Alarmplan - Giftschlagenbiss
Alarmplan - Giftschlagenbiss
Alarmplan - Ausbruch gefährlicher Tiere
Alarmplan - Ausbruch gefährlicher Tiere

Prüfungen, Kontrollen, Mängelbeseitigung

Prüfen Sie Gehege täglich durch Sichtkontrollen und kontrollieren Sie regelmäßig die Funktion der Schließvorrichtungen, Schieber und Sicherungen. Stellen Sie Mängel fest, sind diese unverzüglich zu beseitigen.

Präventionsschwerpunkte

  • Erkennen der Unfallgefahren bei der Tierpflege
    (Beaufsichtigung, Wartung, Fütterung, Pflege und Behandlung, Fang und Transport von Tieren) bzw. Unfallauswertungen mit Schlussfolgerungen bei Gefährdungsanalysen und deren Dokumentation – insbes. am Arbeitsplatz des Tierpflegers (vgl. GUV-I 8770) einschl. bei der Erarbeitung von tierartspezifischen Betriebsanweisungen.
  • Bei Bauplanungen, insbes. hinsichtlich der besonderen Anforderungen an die betrieblichen Einrichtungen zur Haltung von Wildtieren (Tierhäuser, Gehege, etc. – vgl. GUVR 116) und hinsichtlich der Berücksichtigung besonderer betrieblicher Abläufe.
  • Zur Organisation der Ersten Hilfe, zu Brandschutz, zu besonderen Vorkommnissen, wie Tierausbruch, Giftunfälle u.Ä. (Alarm- und Notfallpläne),
  • Vorkehrungen bzw. Verkehrssicherungspflichten hinsichtlich der Besuchersicherheit, um Gefährdungen zu vermeiden (Problemfeld: Tier – Tierpfleger – Besucher!), zu hygienischen u. o. arbeitshygienischen Anforderungen u. Ä. und zur arbeitsmedizinischen Vorsorge und Beratung.

Abschlussbetrachtungen und Ausblick

Tierfütterung

Die praktische Umsetzung RSG-Schutzziele bedarf tagtäglicher Anstrengungen, um der Fülle von Anforderungen gerecht zu werden. Hier sind der Unternehmer, seine Führungskräfte als auch die Tierpfleger (TP), Pflegekräfte und sonstige Mitarbeiter von Einrichtungen der Wildtierhaltung gefordert. Durch Fachleute der Unfallkassen, der Verwaltungs-BG und des Verbandes der Zoodirektoren wurde die Broschüre „Sichere Anlagen für die Wildtierhaltung“ (GUV-I 8635) erarbeitet, die nunmehr zur Verfügung steht.


Gertrud Laube

Noch Fragen: laube@unfallkassesachsen.com oder Tel. (0 35 21) 72 43 11

Wir sind für Sie da.

Unfallkasse Sachsen
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