Webcode dieser Seite: u234

Bis an meine Grenze

i-Punkt Ausgabe 02/2005

Gesundheit

 

Hilfe bei berufsbedingten psychischen Krisensituationen
Wir alle glauben, hin und wieder im Berufsalltag an unsere Grenzen zu stoßen, sei es eine komplizierte Arbeitsaufgabe, ein Streit mit Kollegen oder ein aufreibendes Kundengespräch. Doch wie belanglos scheint dies angesichts der immer größer werdenden Gruppe von Beschäftigten, die mit furchtbaren Extremsituationen konfrontiert werden: Sparkassenangestellte bei Überfällen, Lehrer, die Morddrohungen erhalten, Feuerwehrleute, die Schwerstverletzte oder gar Tote bergen, oder Mitarbeiter von Sozialämtern, die tätlichen Übergriffen ausgesetzt sind. Wie reagiert man in derartigen Krisensituationen? Kann man vorbeugend etwas tun? Wir sprachen dazu mit Heike Merboth, Referentin für Psychologie bei der Unfallkasse Sachsen.

i-punkt: Was sind berufsbedingte Krisensituationen mit psychischer Extrembelastung?

Bei den genannten beispielhaften Krisensituationen handelt es sich um extreme Stresssituationen, um so genannte psychisch traumatisierende Ereignisse. Diese sind von katastrophalem Ausmaß, lösen bei (fast) jedem Menschen tiefe Verzweiflung und extreme Angst aus und übersteigen die eigenen, sonst alltäglichen Bewältigungsmöglichkeiten von Problemsituationen. Eine solche psychische Extrembelastung kann durch ein Ereignis ausgelöst werden, das nur eine oder wenige Person( en) oder aber größere Menschengruppen betrifft, wie es beispielsweise beim Zugunglück in Eschede der Fall war. Nicht nur für Betroffene und Angehörige war das ein schreckliches Ereignis. Auch die Einsatzkräfte von  Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei konnten diese Erlebnisse nur sehr schwer verarbeiten.

Welche psychischen Auswirkungen zeigen sich in psychischen Krisensituationen?

Welche ungewöhnlichen, mehr oder weniger schlimmen psychischen Reaktionen auch immer hervorgerufen werden – nicht diese Reaktionen sind unnormal, sondern die psychisch traumatisierenden Extremsituationen. Das ist eine der ersten wichtigsten Botschaften, die Helfer den Opfern gegenüber sofort nach dem Ereignis vermitteln müssen, um schnellstmöglich einen Beruhigungs- und Stabilisierungsprozess beim Betroffenen einzuleiten.
Keinesfalls förderlich für eine Stabilisierung sind sozialer Rückzug oder gar soziale Isolierung seitens der betroffenen Personen. Im Gegenteil – die Betroffenen sollten möglichst selbst versuchen, über das Erlebte zu reden. Das ist für die psychische Verarbeitung – nicht Verdrängung! – sehr hilfreich.
Als typische Symptome nach einem psychisch traumatisierenden Ereignis können z. B. auftreten: extreme Stimmungsschwankungen, körperliches Unwohlsein, Herzklopfen, Aggressivität und Gereiztheit, Schlafstörungen oder Alpträume.
Wirken derartige Symptome länger als etwa 4 bis 6 Wochen, sollte professionelle Hilfe durch Psychologen, Psychotherapeuten und/oder Fachärzte in Anspruch genommen werden. Diesen Schritt rechtzeitig zu gehen, kann Betroffene vor der Ausprägung einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) mit hohem psychischen Krankheitswert bewahren. Kennzeichnend für ein solches Krankheitsbild PTBS sind das Wiedererleben des traumatischen Ereignisses – in gedanklichen Bildern oder Tönen. Derartige Reaktionen können sogar noch nach Jahren der Extremsituation plötzlich auftreten – ausgelöst durch optische und/oder akustische Reize, die dem damaligen Ereignis ähneln. Ebenfalls typisch für eine PTBS ist eine dauernde bewusste Vermeidung bzw. Verdrängung von jeglichen Hinweisen, die an die Extremsituation erinnern – ggf. auch mittels erhöhtem Alkohol- und/oder Medikamentenmissbrauch. Eine posttraumatische Belastungsstörung geht einher mit einem anhaltenden überhöhten Erregungsniveau, gekennzeichnet z. B. durch ständige Albträume und erhebliche Konzentrationsschwierigkeiten.
Außer von psychischen Symptomen mit Krankheitswert kann eine PTBS auch von negativen körperlichen Reaktionen begleitet sein, z. B. von Magengeschwüren, Migräne, chronischem Schmerzsyndrom, Erkrankungen des Immunsystems.
Eine posttraumatische Belastungsstörung kann ohne professionelle Hilfe durch Psychotherapeuten und/oder Fachärzte nicht „geheilt“ werden. Eine ausführliche Darstellung posttraumatischer Belastungsstörungen finden Sie im Anschluss an diesen Beitrag.

Wie erfolgt eine erste psychologische Hilfe?

Eine erste psychosoziale Notfallversorgung – auch als psychologische erste Hilfe bezeichnet (noch keine Psychotherapie) – für Betroffene durch andere Personen, auch Kollegen heißt vor allem: Machen Sie Ihre Anteilnahme deutlich, bleiben Sie bei dem Betroffenen (bis professionelle Hilfe kommt), sagen Sie ihm, dass ihm geholfen wird. Suchen Sie behutsam (Körper-)Kontakt. Beruhigen Sie, ohne abzuwiegeln. Sprechen Sie mit ruhiger Stimme und hören Sie aufmerksam zu. Fragen Sie den Betroffenen, was Sie für ihn tun können. Schirmen Sie Verletzte bzw. Betroffene vor Zuschauern und Medien ab. Verständigen Sie bei Nichtansprechbarkeit des Betroffenen bzw. mit dessen Einverständnis einen Arzt oder Psychologen.

Was leistet die Unfallkasse Sachsen?

Als gesetzlicher Unfallversicherungsträger obliegt der Unfallkasse Sachsen die Aufgabe, nach oben genannten extremen psychischen Krisensituationen bei versicherten Tätigkeiten mittels Heilbehandlungs- und Rehabilitationsleistungen für die Wiederherstellung der körperlichen und/oder psychischen Gesundheit zu sorgen. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist jedoch eine Unfallanzeige, die schnellstmöglich nach einem eingetretenen Extremereignis mit höchster psychischer Belastung vom Unternehmen an die Unfallkasse Sachsen zu richten ist – selbst wenn noch keine sofortige Krankschreibung erfolgt! Das heißt, eine Unfallanzeige ist nicht mehr – wie bisher – lediglich an einen eingetretenen Körperschaden gebunden.
Selbstverständlich hat die Unfallkasse Sachsen auch die Aufgabe, mit präventiven Maßnahmen starken Gesundheitsbeeinträchtigungen nach Krisensituationen - sofern das objektiv möglich ist - vorzubeugen. Diesbezüglich sind auch die Unternehmen in der Pflicht, sich mit uns in Verbindung zu setzen, um gemeinsame vorbeugende Aktivitäteneinleiten zu können.  

Was sind die Aufgaben der Unternehmen?

Nach den Gesetzlichkeiten des Arbeits- und Gesundheitsschutzes haben die Unternehmen die Pflicht, ein Notfallmanagement aufzubauen, um mit vorbeugenden Maßnahmen Krisensituationen mit psychischer Extrembelastung zu vermeiden und mit einem funktionierenden Notfallplan nach einem eingetretenen Extremereignis die negativen gesundheitlichen Auswirkungen bei den Betroffenen begrenzen zu können.

Beispiele primär- und sekundär-präventiver Maßnahmen, mit denen Unternehmen Krisensituationen vorbeugen können bzw. bei Eintritt solcher Situationen eine Schadensbegrenzung sichern:

  • Arbeitsgestalterische sicherheitstechnische Maßnahmen in der unmittelbaren Umgebung des Arbeitsplatzes
  • Führungskräfteschulungen
  • Antihavarietraining
  • Paare von berufserfahrenen und neuen Einsatzkräften (z. B. in der Feuerwehr) bilden
  • sofortige erste Nachbesprechungen zu eingetretenen Krisensituationen, um eine erste Verarbeitung des Erlebten zu  sichern. Dafür sollten psychologische Ersthelfer vom Unternehmen benannt und fortgebildet werden.

Für diese Aufgabe steht den Unternehmen die neue Broschüre „Notfallmanagement für berufsbedingte Krisensituationen mit psychischer Extrembelastung“ (GUV-I 8804) einschließlich einer Liste mit externen Ansprechpartnern für Hilfeleistungen zur Verfügung. Der vorigen Ausgabe des i-punkt war ein solches Exemplar beigelegt. Benötigen Sie zusätzliche Exemplare oder haben Sie Fragen, stehen wir Ihnen selbstverständlich gern zur Verfügung.

Kontaktadressen

Frau Findeisen (für den Versand)

Tel.: 03521/724-314
Fax: 03521/724-333
E-Mail: medien@unfallkassesachsen.com

Frau Dipl.-Psych. H. Merboth

Tel.: 03521/724-325
Fax: 03521/724-333
E-Mail: merboth@unfallkassesachsen.com

Wir sind für Sie da.

Unfallkasse Sachsen
Rosa-Luxemburg-Str. 17a
01662 Meißen

+49 (0)3521 7240
Externer Link zur Überprüfung dieser Seite auf standardkonforme Programmierung nach XHTML 1.0  Externer Link zur Überprüfung von Style Sheets  Externer Link zur Erklärung der Stufe AAA der Web Content Accessibility Guidelines 1.0