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gehört – verstanden – angewandt

i-Punkt Ausgabe 02/2006

Sicherheit

 

Wie ein Sicherheitsgespräch motiviert.
Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz in einem Unternehmen hängen von zahlreichen Faktoren ab. Auch die gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitsunterweisungen prägen das sicherheitsrelevante Verhalten der Mitarbeiter.

Die Unterweisungsaufgabe wird in der Praxis sehr unterschiedlich definiert und gelöst. Im krassesten Fall werden einfach Merkblätter ausgegeben, und die Mitarbeiter quittieren mit ihrer Unterschrift, dass sie an der Unterweisung teilgenommen haben. Dies ist aus mehreren Gründen bedauerlich: Zum einen ist es der Sicherheitsarbeit nicht angemessen, wenn Sicherheitsunterweisungen zur lästigen Pflichtveranstaltung degradiert werden, zum anderen vergibt man sich durch eine solche Vorgehensweise die Chance, sicheres und gesundes Arbeitshandeln als Gemeinschaftsaufgabe von Arbeitgeber und Arbeitnehmer, von Vorgesetzten und Mitarbeitern zu begreifen.

Ist die klassische Sicherheitsunterweisung noch zeitgemäß?

In Zeiten, wo Kommunikation und Kooperation das Arbeitshandeln weitgehend bestimmen, sollten Unterweisungen oder gar Belehrungen nicht nur sprachlich der Vergangenheit angehören. Welcher Mitarbeiter lässt sich schon gerne belehren? Wenn auch die klassische Sicherheitsunterweisung nicht mehr ganz „up to date“ ist, so ist sie deshalb noch lange nicht out.

Das klassische Konzept der Sicherheitsunterweisung geht davon aus, dass ein Vorgesetzter seine Mitarbeiter umfassend über alle arbeitsplatz- und tätigkeitsbezogenen Gefährdungen informiert und sich als „der“ Experte für das Arbeitshandeln hervortut. Die Arbeitswelt hat sich jedoch verändert: Arbeitsbedingungen, -abläufe, und -aufgaben sind komplexer geworden, und ein Chef in einer größeren Struktureinheit kann gar nicht mehr alle Einzelgefährdungen kennen, zumal sich auch seine Aufgaben und Funktionen in Richtung zunehmender Führungstätigkeiten geändert haben.
Das bedeutet aber auch, dass die Sicherheitsunterweisung in ihrer klassischen Form einem Wandel unterworfen ist. Sicherheitsarbeit ist dann erfolgreich, wenn man die Mitarbeiter dort abholt, wo sie stehen. Wenn man ihre Motive und Einstellungen in Erfahrung bringt, die sie letztlich zu sicherem oder sicherheitswidrigem Verhalten veranlassen. Beweggründe kann man nur in einem Gespräch ermitteln und nicht durch einseitiges Oktroyieren von Handlungsanleitungen.

Wie motiviert man zu sicherheits- und gesundheitsgerechtem Arbeitsverhalten?

Kündigt man den Mitarbeitern anstelle von Sicherheitsunterweisungen „Sicherheitsinformationen“ oder „Sicherheitsgespräche“ an, signalisiert man Bereitschaft zu reden und sie mit ihren Argumenten ernst zu nehmen. Und man macht sie neugierig. Neugierde ist ein guter Auftakt für das mitunter sperrige Thema Arbeitssicherheit und ebnet dem Gesprächsführer den Weg. Der Anfangsbonus reicht aber nicht aus – soll ein Sicherheitsgespräch erfolgreich sein, müssen ein paar weitere Dinge beachtet werden.

Folgende Punkte sind bei der Vorbereitung, Gestaltung und Durchführung von Sicherheitsgesprächen wichtig:

  • Zielklarheit,
  • Auswahl der Inhalte / Themen,
  • methodisch-mediale Umsetzung, unter Berücksichtigung der personalen, situativen und kommunikativen Rahmenbedingungen.

Zielklarheit und Themenwahl

Der Gesprächsführer muss sich im Klaren darüber sein, was er mit dem Sicherheitsgespräch erreichen möchte: Sollen Informationen weitergegeben oder Einstellungen und Verhalten geändert werden? Soll der Mitarbeiter verschiedene Gefahrenstoffe kennenlernen und wissen, was geschehen kann, um sein Verhalten entsprechend auszurichten, oder soll sicherheitskritisches Verhalten im Umgang mit Gefahrstoffen in Richtung sicheres Verhalten umgeformt werden?
Informationen vermitteln funktioniert in der Regel leichter, als Verhalten zu ändern. Für beides gilt aber, dass Lehrziele formuliert werden. Erst wenn Lehrziele formuliert wurden, können Inhalte, Methoden und Medien sinnvoll ausgewählt werden. Außerdem erlaubt die Formulierung von Lehrzielen eine Erfolgskontrolle: Welches sind Kriterien für den Erfolg oder Misserfolg eines Sicherheitsgesprächs und wie will ich Erfolg messen? Möglichkeiten und Mittel für eine Erfolgskontrolle sind Befragungen der Mitarbeiter, Beobachtungen, Kontrollen, das Verbandbuch oder die Unfallstatistik.

Diese Fragen helfen Ihnen, Lehrziele zu formulieren:

  • Warum führe ich das Gespräch?
  • Was soll nach dem Gespräch geschehen?
  • Welches Wissen sollen die Mitarbeiter haben?
  • Welches Verhalten soll gezeigt werden, welches Verhalten ist nicht erwünscht?
  • Wie sichere ich die Erfolgskontrolle?

  • Arbeitsplatz- und tätigkeitsbezogene Informations- und Sicherheitsgespräche beziehen sich auf Arbeitsmittel, auf die Arbeitsumgebung, auf Arbeitsplatzcharakteristika, auf Anlagen und Arbeitsgegenstände, auf neue Maschinen und geänderte Arbeitsverfahren...
  • Ereignisorientierte Informations- und Sicherheitsgespräche beziehen sich auf kritische Ereignisse, Beinahe-Unfälle, sicherheitsrelevante Verhaltensgewohnheiten, wahrgenommene Gefährdungen, Verbesserungsvorschläge der Mitarbeiter...

Da die Themen von Sicherheitsgesprächen nicht in den Unfallverhütungsvorschriften festgelegt sind, bleibt es dem Unterweiser überlassen, sicherheitsrelevante Inhalte nach seiner subjektiven Bewertung auszuwählen. Als Faustregel für alle Sicherheitsgespräche gilt, dass sie immer im Zusammenhang mit den spezifischen Gefährdungen am konkreten Arbeitsplatz und der Arbeitstätigkeit stehen sollten. Eine Gefährdungsanalyse, welche die konkreten Gefahren am Arbeitsplatz erfasst, ist für die Definition von Themen hilfreich. Nützlich sind auch Verhaltensbeobachtungen, die man sich für aktuelle oder auch künftige Sicherheitsgespräche notieren sollte.

Ganz wichtig: Die Teilnehmer dürfen nicht mit Informationen überfrachtet werden – die Aufnahmekapazität ist begrenzt. Ein Informationsgespräch von einer Stunde über 1. Gefahrstoffe, deren gesundheitsgefährdende Substanzen, deren Kennzeichnung, den sicheren Umgang damit, 2. die Organisation der Ersten Hilfe, Ansprechpartner und Ablaufplan und 3. Informationen über Verhalten im Brandfall, Fluchtwege, Umgang mit Feuerlöschern und Kennzeichnung möglicher Rettungswege geht mit Sicherheit an allen Themen vorbei. Hier gilt: Weniger ist mehr. Ein einstündiger Vortrag überfordert die meisten – und mit Sicherheit neue Mitarbeiter.

Methodisch-mediale Umsetzung

Die methodisch-mediale Umsetzung wird in Abhängigkeit des Lehrziels unterschiedlich ausfallen: Soll Wissen vermittelt werden, sind ein Lehrgespräch (Steuerung des Gesprächs durch Fragen), ein Vortrag mit Diskussion oder praktische Demonstrationen und Übungen vor Ort günstig. Geht es darum, Verhalten zu verändern, sind Gruppenarbeiten, moderierte Gruppendiskussionen, Metaplantechnik oder Rollenspiele optimal.

Bedenken Sie ...

Gesagt ist noch nicht gehört.
Gehört ist noch nicht verstanden.
Verstanden ist noch nicht einverstanden.
Einverstanden ist noch nicht angewendet.
Angewendet ist noch nicht beibehalten.

Ziele und Inhalte von Sicherheitsgesprächen, Methoden und Medien sind natürlich immer abhängig von den personalen, situativen und kommunikativen Rahmenbedingungen.

Kommunikative Rahmenbedingungen

Kommunizieren im betrieblichen Alltag wird durch den Austausch von Sachinformationen und die Gestaltung der Beziehungen zueinander geprägt. Eine für Sender und Empfänger effiziente und befriedigende Kommunikation heißt:

  • Eindeutig, klar, präzise und konkret formulieren.
  • Auf Signale der Teilnehmer eingehen. Tuscheln, Gähnen, Witze reißen haben immer etwas zu bedeuten ...
  • Zuhören. Zu einem Gespräch gehört auch immer „aktives Zuhören“. Was will mir mein Gesprächspartner sagen? Sagt er das, was er meint? Meint er das, was er sagt?
  • Feedback geben und nehmen. Der Sender einer Nachricht muss sich auch darum kümmern, ob seine Botschaft mit allen Konsequenzen auch beim Empfänger korrekt angekommen ist. Umgekehrt muss er auch offen für Rückmeldung sein, warum dies beispielsweise nicht der Fall war.
  • Nachfragen. Unklarheiten, die mehr oder minder offen im Raum stehen, sollten beseitigt werden.
  • Zusammenfassen. Am Ende eines Gesprächs oder eines Gesprächsabschnitts sollten die wesentlichen Punkte noch einmal zusammengefasst werden.
  • Gemeinsam nach Lösungen suchen. Dies ist insbesondere bei „Konfliktgesprächen“ (besser „Lösungsgespräche“) wichtig, denn man will seinen Gesprächspartner ja „ins Boot holen“. Wenn er selber Vorschläge macht, erhöht dies zum einen die Akzeptanz von Lösungsvorschlägen. Zum anderen ist es ein Ausdruck von Wertschätzung, wenn bei einem Sicherheitsgespräch die Meinung des anderen angehört beziehungsweise seine Expertise eingeholt wird.
  • Vereinbarungen treffen. Dies ist insbesondere bei Sicherheitsgesprächen wichtig, bei denen sicherheitswidriges Verhalten besprochen wird. Ein Kontrakt „besiegelt“ zukünftiges Verhalten.
  • Offen und gleichberechtigt miteinander sprechen.

Kurz: Eine gute Kommunikation zeichnet ich immer durch Wertschätzung des anderen und Dialogorientierung aus.

Zu bedenken sind...

  • Wie viel Zeit steht für das Gespräch zur Verfügung?
  • Wo soll das Informations- oder Sicherheitsgespräch stattfinden? Vorteilhaft ist ein ruhiger, ausreichend großer Raum. Eventuell kann das Gespräch auch vor Ort am Arbeitsplatz mit direktem Bezug zur Arbeitstätigkeit erfolgen.
  • Wann soll die Unterweisung stattfinden? Morgens ist es günstiger als nach dem Mittagessen oder vor Arbeitsschluss.
  • Wie viele Mitarbeiter sollen unterwiesen werden?
  • Welche Mitarbeiter sollen angesprochen werden? Ist es ein vom Wissens- und Kenntnisstand homogener oder heterogener Teilnehmerkreis? Sind die Teilnehmer ältere, jüngere, ausländische, lernungewohnte Teilnehmer, Anfänger oder Experten? Das Sicherheitsgespräch sollte auf die Teilnehmer abgestellt sein.
  • Woher bekommt man die Informationen für ein Sicherheitsgespräch? Material zu konkreten Themen bekommt man (kostenlos) von der Bundesanstalt für Arbeitschutz und Arbeitsmedizin (www.baua.de), den Unfallkassen und den Berufsgenossenschaften. Auch über das Internet oder über kommerzielle Anbieter (z. B. WEKA-Verlag) kann man Informationen beziehen. Beobachtungen sicherheitswidrigen Verhaltens, Gespräche mit Kollegen und Mitarbeitern, eine Sichtung der Gefährdungsanalyse sind weitere Quellen für Ziele und Themen von Sicherheitsgesprächen.
  • Wie soll die Sitzordnung sein? Falls es die Teilnehmerzahl erlaubt, ist eine U- oder kreisförmige Sitzordnung günstiger als eine parlamentarische Sitzordnung mit hintereinander angeordneten Stuhlreihen.
  • Ist die notwendige methodisch-mediale Ausstattung vorhanden und funktionsbereit?
  • Sind Störquellen ausgeschaltet? (Telefonate, Unterbrechungen ...)

Zu guter Letzt...

Diskussion zwischen Angestellten

Seit 2004 ist die Dokumentation von Sicherheitsgesprächen vorgeschrieben. Darüber hinaus verliert man durch eine Dokumentation nicht den Überblick über Themen und Teilnehmer. Unterweisungsbücher mit den entsprechenden Formblättern erhält man von der Unfallkasse oder sie lassen sich aus dem Internet herunterladen (www.google.de – Stichwort: Unterweisungsbuch).

Es ist ratsam, sich die Teilnahme an einem Sicherheitsgespräch mit einer Unterschrift des Teilnehmenden bestätigen zu lassen, denn eine Unterschrift betont erstens die Bedeutung von Arbeitssicherheit und appelliert zweitens an die Verantwortung des Unterzeichners, das Gehörte und Besprochene nachzuvollziehen.

Sind Unterweisungserfolge in der Vergangenheit ausgeblieben und graut Unterweisern und Unterweisenden vor der jährlichen Pflichtübung, dann ist es höchste Zeit, neue Wege im Interesse der Arbeitssicherheit zu gehen.

Checkliste

Durchführung von Informations- oder Sicherheitsgesprächen

  • Was will ich mit dem Gespräch erreichen?
  • Welches Thema soll angesprochen werden?
  • Woher bekomme ich die Informationen zum Thema?
  • Welche Methode wende ich an?
  • Welche Medien und Materialien benötige ich?
  • Welche organisatorischen Vorbereitungen muss ich treffen?
  • Wie sieht meine Erfolgskontrolle aus?

Dr. Fritzi Wiessmann
Die Autorin ist Arbeits- und Organisationspsychologin.

Wir sind für Sie da.

Unfallkasse Sachsen
Rosa-Luxemburg-Str. 17a
01662 Meißen

+49 (0)3521 7240
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