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Erfolgsfaktor Gesundheit

i-Punkt Ausgabe 03/2006

Gesundheit

 

Wege zur betrieblichen Gesundheitsförderung
Engagement für mehr Gesundheit senkt Krankenstände un d Fluktuation, steigert die Mitarbeiterzufriedenheit und die Produktivität. So die Theorie. Doch allzu oft verdrießen ergonomisch ungünstige Arbeitsplätze, Zeitdruck oder mangelnde Handlungsspielräume den Arbeitsalltag.

Äußerlich entsprechen unsere Arbeitsumstände durchaus den Träumen früherer Generationen: Kein Schmutz, keine gefährlichen Maschinen und Substanzen, keine körperliche Schwerarbeit. Alles in Butter, könnte man meinen. So einfach ist es nun doch nicht: Während eine ganze Reihe von gesundheitsbelastenden Faktoren durch die allgemeine technische Entwicklung und den Zuwachs an sicherheitstechnischem Knowhow tatsächlich reduziert werden konnte oder (zusammen mit den entsprechenden Berufen) überhaupt verschwunden ist, haben wir es insgesamt eher mit einer Verschiebung zu tun.

Zugenommen haben nämlich nicht nur die Folgen von ungünstiger Körperhaltung und Bewegungsmangel, sondern dramatisch gestiegen sind auch die gesundheitlichen Folgen psychisch belastender Faktoren: Unter Stress verstehen Arbeitende eine Vielzahl von Faktoren, die sich bei genauerer Betrachtung auf Elemente der Arbeitsorganisation, des Arbeitsklimas, der Beziehungen zwischen Kollegen und Vorgesetzten, des Verhältnisses zu Kunden und Klienten zurückführen lassen. In hohem Maß beeinflusst wird die Situation durch persönliche Fähigkeiten: Wie ich mit Zeitdruck umgehe, wie ich mich anderen gegenüber verhalte, wie ich mit fachlichen Anforderungen fertig werde – all das hängt natürlich auch von Erfahrungen, Kenntnissen und Fertigkeiten ab,die ich mitbringe oder mir erwerben kann. Selbst der Faktor „Handlungsspielraum” beeinflusst in hohem Maße, ob ein Mitarbeiter gesundheitliche Beschwerden entwickelt oder nicht.

Körperhaltung und Bewegungsmangel machen Computerarbeitsplätze zum Folterstuhl

Nach Gewerkschaftsangaben arbeitet jeder zweite Erwerbstätige unter Zeitdruck, jeder Dritte sitzt regelmäßig vor dem PC. Arbeitsbedingte Erkrankungen – zeigen sich in hohen Arbeitsplatz- und Berufswechselraten, hohen Krankenstandszahlen und einem – nicht zu vernachlässigenden – hohen Anteil an Erwerbsunfähigen.

Nach einer Untersuchung des BKK-Bundesverbandes liegen die Kosten arbeitsbedingter Erkrankungen bei insgesamt mindestens 28 Milliarden Euro pro Jahr.

Die Behandlung psychischer Krankheiten wird auf rund 11 Milliarden geschätzt. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz hat die volkswirtschaftlichen Kosten durch Arbeitsunfähigkeit berechnet: Nach deren Zahlen aus dem Jahr 2002 ist jeder deutsche Arbeitnehmer pro Jahr 14,2 Tage arbeitsunfähig. Das macht insgesamt 491 Mio. Tage pro Jahr, an denen Beschäftigte in Deutschland für die Wirtschaft ausfallen, ein wirtschaftlicher Gesamtschaden von rund 114 Milliarden Euro pro Jahr.
Anhand dieser Zahlen zeigt sich, dass trotz niedriger Krankenstände ein gigantisches Einsparpotenzial für Arbeitgeber und Sozialversicherungen besteht, wenn mehr in die Verhinderung von beruflich bedingten Erkrankungen investiert wird. Im sogenannten IGA-Report Nr. 3 – eine Veröffentlichung des BKK-Bundesverbandes – wird das anhand der bisher bestehenden Veröffentlichungen über betriebliche Gesundheitsförderung so dargestellt: Jeder Euro, der in die Verhütung beruflicher Krankheiten investiert wird, bringt konservativ gerechnet das 2,3-Fache an Einsparung von Krankheitskosten und das 10-Fache an Kostenersparnis durch die verringerte Abwesenheit der Beschäftigten.

Diese Zahlen sagen noch nichts darüber aus, welche Möglichkeiten den Unternehmen einfach deshalb entgehen, wenn ihre Mitarbeiter gesundheitlich beeinträchtigt sind und sich in der Folge auch zurückziehen. Daraus wird klar ersichtlich, welcher Stellenwert der Prävention und der betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) zukommt – oder besser gesagt zukommen müsste. Im Betrieb verbringt man einen großen Teil seiner Zeit, im Betrieb wird Verhalten geprägt, im Betrieb wird Gesundheit durch entsprechende Arbeitsbedingungen gefährdet. Deshalb bietet der Betrieb einen idealen Ansatzpunkt zur Gesundheitsförderung. Seit einigen Jahren gewinnt BGF an Bedeutung. Unfallkassen und Krankenkassen setzen sich verstärkt damit auseinander, wie den sogenannten arbeitsbedingten Erkrankungen entgegengewirkt werden kann. Weil man sie bekanntlich – im Gegensatz zu den Berufskrankheiten – nicht eindeutig auf die Arbeitswelt zurückführen kann, fehlt häufig eine konkrete rechtliche Handhabe.

Die Arbeit fließt in die Freizeit über

Aber die Belastungen scheinen immer noch zuzunehmen. „Arbeitnehmerschutz und Sicherheit haben sich verbessert, die körperlichen Belastungen sind relativ konstant geblieben. Dennoch verdichtet sich die Arbeit immer mehr: Immer schneller, immer mehr Leistung, in weniger Zeit, mit weniger Pausen und weniger Personal. „Traditionelle“ (unbefristete Vollzeit-) Arbeitsverhältnisse werden im Verhältnis zu Teilzeitarbeit, befristeten Anstellungen für die Dauer des jeweiligen Projekts oder den Formen der neuen Selbstständigkeit weniger. Mehr Menschen müssen mit unsicheren und unklaren Zukunftsperspektiven zurande kommen.

Ganzheitliche Strategie

Auch wenn vielerorts schon einzelne Maßnahmen, die durchaus gesund sein können, mit diesem Begriff bezeichnet werden: BGF ist eine Unternehmensstrategie, um ein Unternehmen auf allen Ebenen so zu organisieren, dass die Mitarbeiter in ihrer Gesundheit und Arbeitsfähigkeit gefördert werden – und damit natürlich auch: damit das Unternehmen selbst betriebswirtschaftlich gesund sein und bleiben kann. Anders als die im Arbeitnehmerschutz gesetzlich vorgeschriebenen Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit und des Schutzes der Gesundheit ist BGF ein Instrument, für dessen Einsatz sich der Betrieb freiwillig entscheidet.

Gesundheitsförderung als ein ganzes Bündel von Strategien wurde vor etwa 20 Jahren von der Weltgesundheitsorganisation entwickelt und in der Luxemburger Deklaration zur BGF für die EU 1997 festgeschrieben. Jeder Betrieb, der BGF-Maßnahmen setzt, tut (auch) der Allgemeinheit einen Dienst: Krankheitskosten werden verringert, die Erhöhung der Erwerbsquote älterer Beschäftigter steigt.

Instrumente der BGF

  • Arbeitsunfähigkeitsprofile
  • Mitarbeiterbefragung
  • Gesundheitszirkel
  • Arbeitssituationsanalyse
  • Arbeitsplatzprogramm
  • Gesundheitsberichterstattung

BGF - Betrieblicher Klimaschutz

Übersicht - Wegen Krankheit fast nie gefehlt

Herkömmlich ist für Krankenkassen ein Mensch gesund, wenn er nicht krank gemeldet ist. Und für den Betrieb ist der Mitarbeiter gesund, wenn er anwesend ist. Dies sagt aber noch lange nichts darüber aus, ob er sich am Arbeitsplatz wohlfühlt, sich zu 100 Prozent einbringt oder überhaupt Verhältnisse vorfindet, die ein reibungsloses und motiviertes Arbeiten zulassen. Gesundheit schließt demnach sowohl physische als auch psychische, strukturelle und soziale Dimensionen ein. Der Erfolg von BGF liege zum einen in durchaus erzielbaren wirtschaftlichen Aspekten. Darüber hinaus lassen sich nämlich hervorragende Ergebnisse im strukturellen und sozialen Bereich feststellen. Viele der im Zug von BGF-Projekten entwickelten Maßnahmen nützen nämlich durch verbesserte Abläufe und Produkte den Unternehmen direkt. Und bei Umfragen in  Unternehmen, die sich glaubwürdig längere Zeit um die Förderung der Gesundheit ihrer Mitarbeiter kümmern, werden Verbesserungen des Betriebsklimas als zentraler Faktor genannt.

Analyse, Beratung, Prozesssteuerung

Der konkrete Ablauf der Implementierung von BGF-Maßnahmen sollte idealerweise so erfolgen: Externe Berater, zum Beispiel der Krankenkassen, führen mit Hilfe von Mitarbeiterbefragungen oder Arbeitsunfähigkeits-Diagnosen eine Ist-Analyse des betreffenden Unternehmens durch bezüglich der Belastungen und gesundheitsfördernder Faktoren. Dies fördert erste Ergebnisse und Hinweise zutage, die sowohl der Unternehmensleitung als auch den Mitarbeitern bekannt gemacht werden. Die Mitarbeiter wissen als Experten ihrer Arbeitssituation sehr gut über Probleme am Arbeitsplatz Bescheid und verfügen über ein beträchtliches Problemlösungspotenzial. In Gesundheitszirkeln listen Arbeitnehmer selbst auf, wo es für sie hapert, und entwickeln dafür den konkreten Umständen angepasste Lösungsvorschläge. Der Vorteil der Zirkel: Da Personen unterschiedlicher Bereiche zusammenkommen und sich austauschen, werden Probleme nicht einfach in einen anderen Bereich verschoben, sondern können bereichsübergreifend bearbeitet werden. Ganz wesentlich ist die externe Moderation. Neutrale Moderatoren gestalten den Diskussionsprozess, spitzen zu, schaffen Klarheit oder bringen Erfahrungen aus anderen Betrieben ein, können vermitteln. Eine hausinterne Steuerungsgruppe kümmert sich um zügige Projektabwicklung. Im Regelfall besteht sie mindestens aus Geschäftsführung, Personalvertretung, bei entsprechender Unternehmensgröße gehören auch Sicherheitstechnik und Arbeitsmedizin in diese Gruppe. Sie wird über die Ergebnisse der Gesundheitszirkel informiert und entscheidet in den im jeweiligen Unternehmen üblichen Bahnen über die Umsetzung der vorgeschlagenen Maßnahmen.

Fitte Mitarbeiter - fittes Unternehmen

Vier Handlungsfelder

Inhaltliche Grundlage von BGF ist das Modell der Arbeitsfähigkeit, das vier Handlungsfelder inkludiert: Die Ebene der Person, also Prädispositionen und das eigene Verhalten; die Ebene der Umgebungsbedingungen wie Ergonomie und Hygiene. Als drittes die Ebene der Arbeitsorganisation und -führung und zu guter Letzt die Ebene der Kompetenz und Qualifizierung, die sich etwa in der Fragestellung spiegelt, ob die Leute die nötigen Qualifikationen besitzen, um ihre Arbeit stressfrei und gut auszuführen.  

Die Gesundheitsreform 2000 hat es den Krankenkassen wieder verstärkt ermöglicht, Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung durchzuführen. Das Sozialgesetzbuch schreibt vor, dass Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung „qualitätsgesichert“ sein müssen, das heißt, es besteht verstärkt Bedarf und die Maßnahmen sind nachweislich gesundheitlich wirksam.

Folgende Handlungsfelder in der BGF sind z. B. für die AOK qualitätsgesichert:

  • Vorbeugung und Reduktion arbeitsbedingter Belastungen des Bewegungsapparates
  • Gesundheitsgerechte betriebliche Gemeinschaftsverpflegung
  • Vorbeugung und Reduktion von psychosozialem Stress durch Stressmanagement und gesundheitsgerechter Mitarbeiterführung
  • Vorbeugung und Abbau von Genuss-und Suchtmittelmissbrauch.

BGF funktioniert nie ohne den Chef

Praktische Erfahrungen in Firmen haben gezeigt, dass betriebliche Gesundheitsförderung auf Dauer nur dann erfolgreich ist, wenn sie in das Managementsystem des Hauses integriert wird. Sie darf nicht als Insellösung ein exotisches Dasein im Betrieb führen. Ansatz ist die Erkenntnis, dass Gesundheitsförderung im Betrieb eine sehr anspruchsvolle und komplexe Aufgabe ist. Ihre Bewältigung steht z. B. in Beziehung mit der Arbeitsorganisation, Führungskultur, Personalpolitik und Unternehmenskultur. Unternehmensleitung und Personalvertretung müssen die Entwicklung dieses Prozesses deshalb aktiv mittragen.

Innovative Ansätze

Meist wissen Mitarbeiter selbst am besten, wo der Schuh drückt. In den Gesundheitszirkeln kommt alles auf den Tisch. Seien es Wünsche nach besseren Bildschirmen, mehr Platz, Verringerung von Lärmquellen durch eigene Räume für Server und Drucker; verstellbare Möbel und entsprechende Schulungen, damit technische Möglichkeiten auch genutzt werden. Auch Stress bedeutet oft Unterschiedliches: Dass grundsätzlich die Mitarbeiter für Kunden „immer“ erreichbar sein sollen, kann durchaus auch ohne totale Erreichbarkeit aller erreicht werden: Ob man grundsätzlich auch die Gespräche für  nicht anwesende Kollegen übernimmt (und dafür die eigene Arbeit immer wieder unterbrechen muss), nur um sich dann für nicht zuständig zu erklären, hängt stark von interner Kommunikation und guter Nutzung von Gesprächsumleitung und Mailbox ab. Da gibt es Anregungen für Lauftreffs, Rücken-Schulen oder gesunde Menüs in der Kantine. Themen sind aber auch die praktikable Umsetzung von Nichtraucherschutz, Raucherentwöhnung, persönlichem Stressmanagement oder Entspannungstechniken. In der Summe leisten viele dieser „Kleinigkeiten“ eingebettet in eine Unternehmenskultur, die die Bearbeitung solcher Fragen im Alltag regelt, ihren Beitrag dazu, ob es sich unter dem Strich um belastende oder um gute Arbeit handelt.

Wir danken Linda Kappel für die freundliche Unterstützung.

Mehr Infos unter:
www.aok-bv.de Stichwort: Gesunde Unternehmen
www.bkk.de Stichwort: Gesundheitsförderung
www.fit-at-work.com
www.dnbgf.org
www.netzwerk-bgf.at

Wir sind für Sie da.

Unfallkasse Sachsen
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+49 (0)3521 7240
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