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Tiger, Nashorn und Co.

i-Punkt Ausgabe 03/2006

Sicherheit

 

Serie: Arbeitssicherheit in der Wildtierhaltung (Teil 1)
Wer die so oder ähnlich lautende wöchentliche Zoo-Reportage verfolgt, gewinnt allzu schnell den Eindruck handzahmer Streichelidylle. Doch die Haltung von gefährlichen oder besonders gefährlichen Tieren erfordert zum Schutz der Beschäftigten besondere sicherheitstechnische Vorkehrungen. Jüngste Ereignisse haben dies auf besonders tragische Weise wieder in den Blickwinkel der Öffentlichkeit gezerr t. Diese Serie erläuter t die aktuellen Regeln in der Wildtierhaltung.

28 Zoologische Gärten, größere und kleinere Tierparks, Heimat-Tiergärten, Wildgehege bzw. Wildtierparks und Tierhaltungen, in denen Wildtiere oder domestizierte Tiere (Haus- und Nutztiere des europäischen Raums) wie Wildtiere gehalten werden, gehören zu den versicherten Unternehmen der Unfallkasse Sachsen. Eine wesentliche Aufgabe dieser Einrichtungen besteht darin, die gehaltenen Tiere einer allgemeinen Öffentlichkeit zu präsentieren und zugleich die in ihrem Bestand stark gefährdeten Tiere (rote Liste) zu züchten, ihren Erhalt zu sichern bzw. zu erforschen oder gegebenenfalls auch für Wiederauswilderungsprojekte zugänglich zu machen.

Weiterbildung minimiert Risiken

Damit die bestehenden Risiken beim Umgang mit dem Tier minimiert werden, ist in erster Linie eine fundierte Ausbildung sowie eine ständige Weiterbildung des Tierpflegers (TP) auch unter Einbeziehung von Arbeitssicherheitsaspekten unumgänglich. Dabei sind alle Beschäftigten einzubeziehen, die unmittelbaren Umgang mit den Tieren zum Zwecke der Haltung, Pflege und Zucht haben, also nicht nur Tierpfleger bzw. Tierpflegerinnen, sondern auch Kuratoren, wissenschaftliche Mitarbeiter, Veterinärmediziner u. a. Pflegekräfte. Dafür sind bestimmte Grundsätze im Umgang und in der Gestaltung der baulichen Anlagen, je nach Gefährdungspotential der Tiere, zur Vermeidung von Unfällen, Berufserkrankungen bzw. Gesundheitsgefahren unerlässlich.

Große Bedeutung kommt dabei der sicheren und gefährdungsfreien Gestaltung der Gehege und Anlagen für die Haltung von (Wild)Tieren einschließlich der zugänglichen Bereiche (äußere Sicherheit) zu, die sowohl durch TP, Pflegekräfte sowie sonstige Mitarbeiter der Einrichtung, wie z. B. aus den Bereichen Technik, Bau o. a., benutzt werden. Ebenso sind die erforderlichen Verkehrssicherungspflichten gegenüber Dritten bzw. gegenüber den Besuchern der Einrichtung zu berücksichtigen!

Seit Januar 2005 ist die aktuelle Regel für Sicherheit und Gesundheit (RSG) „Haltung von Wildtieren“ verbindlich und richtet sich als Adressat in erster Linie an den Unternehmer bzw. Betreiber von Anlagen und Einrichtungen zur Haltung von Wildtieren. Die RSG soll ihm insbesondere Hilfestellung bei der Umsetzung seiner Pflichten aus staatlichen Arbeitsschutzvorschriften oder Unfallverhütungsvorschriften geben sowie Wege aufzeigen, wie Arbeitsunfälle, Berufskrankheiten und arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren der Beschäftigten bei der Arbeit vermieden werden können.

Die aktuelle RSG „Haltung von Wildtieren“ - GUV-R 116 löst die bisher gültige „Sicherheitsregel für die Haltung von Wildtieren“ von 1992 ab. Anhand einer umfassenden Beurteilung aller vorhandenen Gefährdungsfaktoren in der Wildtierhaltung werden die wesentlichen Maßnahmen und Erfordernisse zur Verhütung von Gefahren für Leben und Gesundheit bei der Arbeit konkretisiert.

Zunächst werden in der RSG auftretende allgemeine Gefährdungsfaktoren und die wesentlichen Erfordernisse zur Gefahrenabwehr aufgezeigt, wie mechanische, elektrische oder biologische Gefährdungen, Gefährdungen bei Taucherarbeiten und durch Umgebungsbedingungen.

In der RSG werden zum allgemeinen Verständnis und Herangehen die üblichen verwendeten Fachausdrücke bzw. Begriffsbestimmungen vorangestellt und näher erläutert. Um den Rahmen dieses Beitrages zur Vorstellung der RSG nicht zu sprengen, wird an dieser Stelle auf die Darstellung dieser Fachbegriffe weitestgehend verzichtet. Stattdessen werden nachfolgend aufgeführte wesentliche Fachausdrücke näher bestimmt, um dabei auch auf die wesentliche Struktur der aktuellen Sicherheitsregel hinzuweisen: Wildtiere sind alle Angehörigen nicht domestizierter Tierformen.

Gefährliche Tiere im Sinne dieser Regel sind Wildtiere und domestizierte Tiere, die durch ihre Körperkräfte, Waffen oder Gifte in Verbindung mit gefährdendem Verhalten Personen in erheblichem Maße verletzten können. Ein gefährdendes Verhalten kann vorhersehbar – z. B. in der Brunft, beim Führen von Jungtieren oder unerwartet – z. B. Verhaltensänderung durch Erkranken oder Erschrecken – auftreten.

Besonders gefährliche Tiere im Sinne dieser Regel sind Wildtiere und domestizierte Tiere, bei denen der Kontakt mit Lebensgefahr verbunden ist. Je nach Risikopotenzial und Haltungsbedingungen der verschiedenen Tierarten ergeben sich unterschiedliche Anforderungen an die Gehege einschließlich der Sicherheitseinrichtungen und den Umgang mit diesen Tieren.

Gehege im Sinne dieser Regel sind Einrichtungen, die für die Haltung von Tieren bestimmt sind. Gehege sind z.B. Bauten, Räume sowie Flächen jeder Art und Größenordnung, die für die Haltung von Tieren eingefriedet (eingehegt) sind. Hierzu gehören auch Aquarien, Delphinarien, Terrarien, Volieren, Ställe, Absperrboxen.

Gehegearten

  • Innen– und Außengehege
  • Gehege, die Besucher nur von außen einsehen können
  • Gehege, durch die Besucher gehen können
  • Gehege, durch die Besucher in gesicherter Weise fahren oder gefahren werden
  • Gehege außerhalb der Besucherbereiche, die der Unterbringung der Tiere, z. B. während der Nacht, zur Zucht, bei Krankheiten, zur Quarantäne oder zur Eingewöhnung dienen

Zebra mit Tierpflegerin im Gehege

Die verschiedenen Gehegearten können einzeln oder in Kombination vorkommen.

Gehegeeinfriedungen im Sinne dieser Regel sind Einrichtungen, die Gehege unmittelbar begrenzen, einschließlich der zugehörigen Türen, Tore und Schieber. Dies sind z. B. Zäune, Gitter, Gatter, Mauern, Verglasungen, Wasser- oder Trockengräben, Elektrozäune.

Sicherheitsstufen legen Anforderungen an die sichere Gestaltung von Gehegen einschließlich Schleusen, Schieber, Türen und den dazugehörigen Sicherheitseinrichtungen, in Abhängigkeit vom Risikopotenzial und den Haltungsbedingungen der Tierart fest. Es werden Gehege der Sicherheitsstufen III, II, I, A (Aquarien), T (Terrarien) und D (Durchfahrgehege) unterschieden.

Von gefährlichen oder besonders gefährlichen Tieren können Gefährdungen ausgehen, durch Beißen, Schlagen, Kratzen, Stechen, Treten, Infektionen, Allergien, Vergiftungenusw. Darum wurden die möglichen Gefährdungen durch Tiere bzw. durch den vorhandenen Tierbestand auch unter Berücksichtigung aktueller Erkenntnisse der Tiergärtnerei beurteilt und nach ermitteltem Risikopotenzial einer der drei wesentlichen Kategorien zugeordnet:

Kategorie 3
Besonders gefährliche Wildtiere (mit erhöhtem Gefährdungspotenzial)
Risiko: Lebensgefahr bei direktem Umgang, das bedeutet hohe bzw. höchste Schadensschwere.

Kategorie 2
Gefährliche Wildtiere (mit erhöhtem Gefährdungspotenzial)
Risiko: Gefährdung(en) beim Umgang durch Körperkräfte, Waffen, Gifte, Verhalten, das bedeutet mittlere Schadensschwere.

Kategorie 1
Wildtiere (ohne erhöhtes Gefährdungspotenzial)  
Risiko: Keine Gefährdung(en) beim Umgang zu erwarten, das bedeutet geringe Schadensschwere.

Zum besseren Verständnis wurde eine beispielhafte Aufzählung gefährlicher und besonders gefährlicher Wildtierarten, die im Regelfall für erwachsene, geschlechtsreife Tiere gilt, vorgenommen:

Aufzählung gefährlicher und besonders gefährlicher Wildtierarten

In der Praxis ist zu berücksichtigen, dass auch nicht aufgelistete Tierarten bzw. Einzeltiere unter bestimmten Umständen gefährlich oder besonders gefährlich sein können. Die Einschätzung individueller Gefährlichkeit obliegt stets dem Unternehmer im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung! Die sogenannten tierspezifischen Gefährdungsfaktoren mit den Erfordernissen und Maßnahmen der Gefahrenabwehr bilden ein wesentliches Element dieser RSG. An die Haltung von gefährlichen oder besonders gefährlichen Tieren ergeben sich in Abhängigkeit vom Risikopotential wesentliche bauliche Anforderungen an Gehege und Anlagen, die im Anhang 3 der RSG in der Übersicht geordnet nach Sicherheitsstufen aufgeführt werden.

Die Sicherheitsstufen im Sinne dieser Regeln bestimmen Anforderungen an die sichere Gestaltung der Gehege einschließlich Schleusen, Schieber, Türen und die dazu gehörigen Sicherheitseinrichtungen, in Abhängigkeit vom Risikopotenzial des Tierbestandes – vgl. auch die beispielhafte Aufzählung gefährlicher und besonders gefährlicher Tiere – in Kombination mit den üblichen Haltungsbedingungen. Dabei gelten für Gehege der Sicherheitsstufe III die höchsten baulichen Anforderungen!

Es wurde eine beispielhafte Zuordnung zu gefährlichen oder besonders gefährlichen Tier(en) in nachfolgend aufgeführte Gehege mit Sicherheitsstufen vorgenommen:

Achtung! Nicht aufgelistete Tierarten bzw. Einzeltiere hat der Unternehmer nach einer individuellen Risikobeurteilung zuzuordnen!

Ein Grundanliegen bei der Gestaltung aller Einrichtungen der Wildtierhaltung besteht darin, dass Tiere nicht entweichen können und Personen nicht gefährdet werden. Die wesentlichen Voraussetzungen bei der Gestaltung bzw. Neugestaltung aller Gehege und Anlagen sind:

  • eine ausreichende Anzahl von Gehegen und Schieber
  • keine gefangenen Räume und
  • die Türen schlagen immer entgegen der Fluchtrichtung auf!

Unzulässige Bauform eines Geheges der Sicherheitsstufe II
Unzulässige Bauform eines Geheges der Sicherheitsstufe II
Bauform eines Geheges der Sicherheitsstufe II
Bauform eines Geheges der Sicherheitsstufe II

Bauliche Anforderungen an Gehege in Abhängigkeit vom Risikopotenzial
Bauliche Anforderungen an Gehege in Abhängigkeit vom Risikopotenzial

In der RSG werden die besonderen baulichen Anforderungen an Einrichtungen zur Haltung von gefährlichen oder besonders gefährlichen Tieren nach Sicherheitsstufen III, II und I sowie A, T und D vorgegeben. Nachfolgend werden die wesentlichen baulichen Anforderungen an Gehege der Sicherheitsstufe III schwerpunktmäßig aufgeführt:

Ausreichende Anzahl von Gehegen und Schieber

Für Reinigungs-, Instandhaltungs-, und Dekorationsarbeiten müssen die Arbeitsbereiche frei geschiebert werden können. Dabei müssen mindestens zwei aneinanderliegende Gehege frei geschiebert werden können, z. B. für Arbeiten am Schieber selbst.

Schleusen vor allen Zugängen von Gehegen

Verzicht auf Schleuse(n) vor dem Zugang zum Außengehege, wenn Zugänge nur gelegentlich genutzt werden, Zugangsberechtigung durch Betriebsanweisungen gesondert geregelt ist bzw. ein Entweichen von Tieren durch die Abmessungen der Gehegezugänge verhindert ist und das Öffnen der Zugänge nur mit speziellen Werkzeugen möglich ist.

Äußere Schleusentüren müssen vor Öffnen volle Einsehbarkeit in die Schleuse gewährleisten, d.h., Schleusen müssen voll einsehbar sein, z. B. unter Nutzung von Spiegeln, Spionen, zusätzlicher Fenster, Sehschlitzen. Bei fehlender Einsehbarkeit infolge abgewinkelter Bauform sind zusätzliche Schutzmaßnahmen unerlässlich, z. B. Einbau einer zusätzlichen Tür.

Ausreichende Anzahl von Tieren

Das bedeutet kein gefangener Raum, ein Fluchtweg muss immer gegeben sein! Gehegeeinfriedungen, Schieber sowie Türen und Tore von Gehegen und Schleusen sind so zu gestalten, dass Personen nicht gefährdet werden und Tiere nicht entweichen können. Das bedeutet: Einflussgrößen sind zu berücksichtigen, wie Körperkräfte, individuelle Fähigkeiten und psychologische Barrieren. Wenn Gehegeeinfriedung ein Durch-, Unter- oder Übergreifen des Tieres zum Bedienungsgang hin zulassen, muss dieser so breit sein, dass ein ungefährdeter Durchgang möglich und eine Mindestbreite von 0,80 m gegeben ist.

Türen von Gehegen und Schleusen müssen entgegen der Fluchtrichtung aufschlagen, Damit das Freikommen von Tieren bei nicht verschlossenen Gehegetüren erschwert ist. Türen und Tore von Gehegen und Schleusen müssen gegen das Öffnen durch Tiere durch zwei voneinander unabhängig wirkende Einrichtungen gesichert sein. Dies kann z. B. Schloss und Riegel sein, zwei getrennte Riegel oder zwei Schlösser. Türen und Tore von Gehegen und Schleusen müssen gegen das Öffnen durch Unbefugte gesichert sein.

Als Unbefugte gelten u. a. Betriebsfremde (z. B. Besucher oder Mitarbeiter externer Firmen) oder eigene Mitarbeiter aus anderen Betriebsbereichen wie z. B. der Abt. Bau, Technik etc ...

Bei der Sicherung gegen Öffnen durch Unbefugte ist auch an mutwilliges Aufbrechen zu denken z. B. durch das Verlagern in für Unbefugte unzugängliche Bereiche. Schieber dürfen in keiner Stellung durch Tiere funktionsunfähig gemacht werden, so müssen Schieberflügel gegen Verkanten oder Ausheben gesichert sein.

Sicherer Standplatz außerhalb des Geheges zur Betätigung der Schieber einschließlich deren Sicherungen. Einsehbarkeit der Schieberöffnung vom Betätigungsplatz aus. Eindeutige Zuordnung von Betätigungseinrichtungen und Schieberflügeln.

Schieber müssen in geschlossener Stellung gegen eine Betätigung durch Tiere durch zwei voneinander unabhängige Einrichtungen gesichert sein.

Doppelte Sicherung durch Bolzen und Eigengewicht des Schiebers
Doppelte Sicherung durch Bolzen und Eigengewicht des Schiebers
„Sicherung der Sicherung“ bei mehrfacher Schließberechtigung (Hersteller ISO-LOCK)
„Sicherung der Sicherung“ bei mehrfacher Schließberechtigung (Hersteller ISO-LOCK)

Dies wird gewährleistet durch das Eigengewicht (> Tierkraft) der Schieberflügel oder dadurch, dass Tiere die erforderliche Geschicklichkeit zum Einsatz ihrer Kraft nicht aufbringen, und selbsteinrastende Bolzen.

Schieber müssen gegen Betätigung durch Unbefugte gesichert sein, z. B. durch die Art der Schieberbetätigung (Schlüsselschalter) oder durch Vorhängeschlösser.

Schieber oder Schiebersicherungen müssen so gestaltet sein, dass eine Betätigung durch eine andere als die im Gehege befindliche Person sicher verhindert wird, z. B. durch „Sicherung der Sicherung“.

Pneumatisch, hydraulisch oder elektrisch angetriebene Schieber müssen auch bei Energieausfall in der jeweiligen Stellung sicher halten.

 

 

 

 

 

Elefantenfütterung

Fütterungs- und Tränkeinrichtungen müssen so beschaffen sein, dass die Beschickung und Betätigung gefahrlos möglich ist, durch  Futterklappen, Futterladen, Pfannen, Gabeln, Zangen, Spieße, von außen zu bedienende oder automatische Tränken.

 

 

 

Abstand Mensch – gefährliches oder besonders gefährliches Tier
Abstand Mensch – gefährliches oder besonders gefährliches Tier

Umwehrungen müssen vorhanden sein, wenn der Kontakt zwischen Versicherten und gefährlichem Tier nicht bereits durch die Gehegeeinfriedung vermieden ist. Dies gilt nicht für Bedienungsgänge. Umwehrungen müssen sicherstellen, dass sich die Reichweiten von Beschäftigten und besonders gefährlichem Tier nicht überschneiden. Ein Abstand von 1,5 m darf nicht unterschritten werden.

Der Beitrag wird fortgesetzt.

Gertrud Laube

Noch Fragen: laube@unfallkassesachsen.com oder Tel. (0 35 21) 72 43 11

Wir sind für Sie da.

Unfallkasse Sachsen
Rosa-Luxemburg-Str. 17a
01662 Meißen

+49 (0)3521 7240
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