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Von der Schulbank zum Arbeitsplatz

i-Punkt Ausgabe 03/2007

Gesundheit

 

Der Wechsel von der Schule zum Arbeitsplatz ist ein zentrales Lebensereignis. Spätestens ab Klasse 6 ist den Heranwachsenden klar, dass der Übergang von der Schule in die Welt etwas Wichtiges ist. Dennoch sind Jugendliche auf die neuen Verhältnisse nur bedingt vorbereitet.

Nach neun oder mehr Jahren Schule tauschen sie die Schulbank mit einer Werkbank oder einem Schreibtisch in einem Ausbildungsbetrieb. Nicht von ungefähr wird dieser Übertritt von vielen Auszubildenden als Schock erlebt. Es ändert sich viel.

Was? Das wollte das Deutsche Jugendinstitut in einer empirischen Untersuchung herausfinden. Die Wissenschaftler versuchten aus dem Blickwinkel von Jugendlichen, den Wechsel von der Schule zur Arbeit darzustellen. Es zeigte sich, dass Jugendliche nur bedingt vorbereitet sind. Eine voreilige Kritik an der Schule ist jedoch verfehlt. Die Umstellung von der Schule auf die Arbeit erfordert soziale Fertigkeiten, die nicht abstrakt erlernt, sondern in der sozialen Gegebenheit erlebt und produktiv erarbeitet werden müssen. Die folgenden Beispiele und Zitate unterstreichen das. Die Arbeitswelt ist eine Welt, die nach gänzlich fremden Regeln konstituiert ist. Und dies ist eine Herausforderung, die jede Auszubildende und jeder Auszubildende ganz eigenständig, wohl aber mit entsprechender Unterstützung, bewältigen muss.

Die Umstellungserfahrungen lassen sich in fünf Bereiche unterteilen:

  • veränderte Zeitstruktur und neue körperliche Belastungen,
  • Definition einer neuen Rolle als Berufstätiger in einem neuen sozialen Raum (Betrieb),
  • die damit verbundene Eigenständigkeit und Anerkennung,
  • das eigene Geldeinkommen,
  • der Verlust der Freunde.

Nach der Arbeit auf nichts mehr Lust

Malerlehrlinge

Knapp ein Drittel der Jugendlichen berichtet davon, mit „körperlichen Belastungen“ konfrontiert zu sein. Die Wege zu und in den Betrieben sind lang. Die zentralen Probleme sind das frühe Aufstehen, die Länge des Arbeitstages und das nun knappere Zeitbudget:

„Also, früher bin ich um halb acht aufgestanden, jetzt muss ich schon um halb sechs aufausstehen, das sind, also das, man gewöhnt sich natürlich daran, man muss sich daran gewöhnen, aber am Anfang war das schon recht schwer. Oder dann, wenn man bis um halb vier arbeiten muss und in der Schule war man halt bloß bis um eins, dann ist man heimgekommen, ein bisschen Hausaufgaben, das war’s dann und so. Jetzt also es ist schon eine Veränderung, aber man gewöhnt sich daran ja.“

KFZ-Mechanikerlehrling

Die Müdigkeit von der Arbeit wird zu einer neuen und notwendigen Erfahrung. Sich nach einem vollendeten Arbeitstag „ausgelaugt“ und energielos zu erleben, ist neu. Dabei ist es keineswegs so, dass sich die Jugendlichen über die Arbeit beschwerten. Aber es wird ihnen bewusst, dass es um körperliche Verausgabung geht. Die Herausforderungen der Arbeit werden als eine Einschränkung des privaten Alltags erlebt. Ein Jugendlicher sagt: „Nach der Arbeit habe ich auf nichts mehr Lust ...“. Diese Aussage verdeutlicht, wie die neuen Erfahrungen Jugendliche nachhaltig prägen. Mit der Aufnahme der Arbeit geht für die Jugendlichen also ein Verlust von Freizeit einher. Die wenige freie Zeit muss eingeteilt werden. Das Zeitregime macht sich in der privaten Lebensführung bemerkbar.

Vieles ist anders – und das bezieht sich nicht nur auf die geringere Ferienzeit. Können beispielsweise Schüler mit dem Schulbus zur Schule fahren, müssen Auszubildende ohne solche öffentliche Unterstützung in den Ausbildungsbetrieb kommen. Durch die Länge des Arbeitstages und der Anfahrtswege verändern sich der Zeit- und Lebensrhythmus der Auszubildenden. Der Tag beginnt und endet früher – zeitig zu Bett gehen und früh aufstehen gehören zusammen. Die Anforderungen, die das Arbeitsleben mit sich bringt, sind umfassend.

Dazu ein Jugendlicher: „Man muss früh ins Bett, das mag ich nicht so gerne. Ich möchte noch was machen, fernsehen und so oder mit den Freunden noch wo hingehen. Und Freizeit hab ich weniger. Halb sechs muss ich aufstehen. Dann bin ich um halb fünf zu Hause. Da bleibt einfach keine Zeit übrig. Und mit den Freunden, die ich in der Schule hatte, die treffe ich auch nicht oft. Jeder hat zu arbeiten, jeder hat eigene Probleme. Das ist so eine Umstellung, aber die Umstellung habe ich gemeistert, sage ich mal.“

Neue soziale Räume

Berufstätig sein heißt, sich auf neue Verhältnisse einstellen, sich mit der eigenen Rolle im Betrieb und in der Gesellschaft der Erwachsenen auseinanderzusetzen.

Auch hierzu ein Jugendlicher: „Man kennt sich im Grund fast nirgendwo aus, wenn man neu anfängt. Wenn man neuen, völlig fremden Boden betritt. Na ja, und da versucht man halt eben irgendwie so schnell wie’s geht, eben sich mit der Umgebung und den Leuten vertraut zu machen. Es geht darum, irgendwie Freunde zu finden, um nicht alleine dazustehen.“  

Neue Eindrücke und neue Konflikte markieren den Unterschied zur Schulzeit. Das in der Schule eingeübte Verhalten taugt nicht zur Bewältigung des Ausbildungsalltags. Alles, was bislang vertraut war, fehlt. Vor allem die Freunde aus der Schule. Die neue Situation stellt mithin eine große, bislang unbekannte Herausforderung dar. Allerdings offeriert die Arbeit auch neue Spielräume. Hierfür müssen aber die Regeln der Arbeit angeeignet, bewältigt und produktiv gestaltet werden.  

„Also, was sich jetzt bei mir verändert hat, von der Umstellung her, also erst einmal kommst du in die Arbeit und weißt nicht, mit wem du es zu tun hast. Und manche sind halt nicht so geduldig und dann ist es auch nicht einfach für jeden, sich zurechtzufinden. Ist glaube ich, auch schon schwierig, sich da irgendwie zurechtzufinden. Aber ich glaube, dass man da ziemlich selbstständig wird. Mit der Zeit weiß man ungefähr dann schon, was man wie machen muss. Man nimmt das auch selber in die Hand. Und eine Umstellung war für mich noch, also eine schlimme Umstellung, dass meine ganzen Freundinnen, die waren ja alle auf der Schule. Also, viele sind ins Studium gegangen, andere sind noch auf der Schule, also da war ich vorher jeden Tag in Kontakt, und momentan ist das halt beschränkt auf das Wochenende, wenn überhaupt. O.k., man sagt dann schon, rufen wir uns wieder zusammen, aber im Endeffekt lebt es sich wirklich auseinander. Also, das tut mir schon weh. Ich weiß nicht, vielleicht gibt es auch Kontakt mit den Arbeitskollegen, vielleicht, aber weil es, ich will jetzt nicht sagen vom Niveau, aber irgendwie vom, wie soll ich sagen, irgendwie vom Alter ...“

Im Unterschied zur Schule werden Auszubildende nun als selbstständige Personen behandelt. Sie müssen ihrer Arbeit in dementsprechend eigenständiger Weise nachkommen. Was jetzt zählt, ist das unmittelbare Ergebnis – nicht der Erfolg bei stichprobenartigen Tests.

Eigenständigkeit und Anerkennung

In der Schule geht es relativ „easy“ zu, nicht zuletzt deshalb, weil der Schulalltag einem vertrauten Schema folgt. Anders als in der Schule, in der man „mitschwimmen“ kann, geht es in der Ausbildung darum, sich selbst zu Wort zu melden und „den Mund aufzumachen“. Die neue Rolle im Arbeitsleben fordert im Unterschied zur Schule den direkten Ergebnisbezug und damit eine größere, dauerhaft durchzuhaltende Eigenständigkeit. Im Betrieb existiert ein klarer Bezug auf Leistung und Produkte. Daraus resultiert ein neues Verhalten der Azubis gegenüber ihrem Ausbilder. Dieses ist (im Gegensatz zu ihrem früheren Verhalten gegenüber ihren einstigen Lehrern) von großer Selbstständigkeit geprägt. Die Nützlichkeit der eigenen Arbeit fungiert als Maßstab und bringt Anerkennung. Wenn die Jugendlichen auf ihre Leistungen stolz sind, erleben sie das, was wir als „Produzentenstolz“ beschreiben. Umgekehrt achten Jugendliche genau darauf, ob die Erwachsenen ihrer Rolle als Ausbilder nachkommen und ob sie das, was sie erwarten, auch selbst demonstrieren können.

Lernen, was „verdienen“ heißt

Zur Berufsausbildung und Lehre gehört die Ausbildungsvergütung. Es ist das erste regelmäßig bezogene Einkommen und gestattet eine größere Eigenständigkeit der Lebensführung. Das Taschengeld ist eine von Gegenleistung unabhängige Zuwendung. Die Ausbildungsvergütung dagegen wird häufig als Gegenleistung für erbrachte nützliche Tätigkeit begriffen. Es wird bewusstseinspflichtig, was der Kern des Verbs „verdienen“ meint, und der Verdienst wird als knappe Ressource, mit der es hauszuhalten gilt, begriffen. Entsprechend facettenreich sind die Hinweise auf die neue Situation:

„Man hat halt Geld, mehr als man vorher gehabt hat und man ist echt nicht mehr so abhängig von den Eltern.“ „Es war eigentlich keine große Umstellung, außer dass man jetzt Geld bekommt.“ „Mehr Geld zu verdienen, als man Taschengeld kriegt.“ „In der Schule hat man halt nachmittags frei gehabt, aber kein Geld.“

Die „Umstellungserfahrungen“ der Jugendlichen beziehen sich besonders häufig auf diesen Punkt – auf das Geld, das sie nun bekommen. Es wird ihnen bewusst, dass hier ein Tausch von Arbeit und Zeit gegen Geld erfolgt. Geld erschließt insgesamt neue Freiheitsgrade, z. B. die größere Unabhängigkeit von den Eltern. Auszubildende müssen ihreAusgaben gegenüber den Eltern weniger rechtfertigen. Gleichzeitig stellt diese Situation eine neue Lernchance dar. Es geht darum zu lernen, besser mit Geld umzugehen. Gelernt wird zum Beispiel, dass das disponible Einkommen trotz Mühe und Anstrengung nicht ausreicht. Da Geld verdient werden muss, fällt Geld mit Anstrengung zusammen. Bekam man früher Taschengeld, so geht es nun um selbst verdientes Geld. Dafür ist aber einiges einzubringen.

„Ja, sagen wir so, arbeiten ist auf jeden Fall erst mal schwerer als zur Schule zu gehen. Es ist schöner, auch Geld, mehr Geld zu verdienen, als man Taschengeld kriegt, aber das Arbeiten ist irgendwie, ist schon anstrengender, muss ich sagen. Immer das frühe Aufstehen und so und dann so spät nach Hause kommen und so. Also, es hat sich schon ganz schön geändert jetzt.“

Der Verlust der Freunde

lachende Jungendliche

Die Ablösung aus dem schulischen Klassenverband, der Verlust der „Clique“ werden zum zentralen Erlebnis. In der Berufsschule finden sich die Jugendlichen unvermittelt, wie sie sagen, „mit ganz anderen Leuten“ wieder. Wie aus der Jugendforschung bekannt, spielt die Clique für die Selbstdefinition Jugendlicher eine große Rolle. Der Schule fällt neben der Wissensvermittlung die Aufgabe zu, den Ort zu stellen, an dem man sich mit altersgleichen Schülern und Schülerinnen trifft. Die Schule ist somit ein Ort der Identitätsbildung und des Austausches zwischen Altersgleichen (Peers). Das Wegbrechen der Clique wird gerade deshalb als sehr schmerzlich erlebt:

„Das war eigentlich das Schlimmste, find‘ ich.“ „In der Schule war man jeden Tag mit dem Freund zusammen, in der Berufsschule, na ja ..., mit den anderen halt.“


Prof. Dr. Claus Tully
Deutsches Jugendinstitut München

(mehr Infos unter: www.neu-im-job.de)

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