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Bewegungskontrolle in der Instrumentalausbildung

i-Punkt Ausgabe 04/2005

Gesundheit

 

Prävention von chronischen Überlastungssyndromen bei Musikern
Professionelles Instrumentalspiel birgt Gesundheitsrisiken, die spielbedingten Erkrankungen nehmen zu. Drei von vier Orchestermusikern klagen bereits heute über Beschwerden. Beschwerden, die nicht nur die künstlerische Leistungsfähigkeit gefährden, sondern bis zu Berufsunfähigkeit führen können. Präventionskonzepte, wie sie für ähnliche Hochleistungsanforderungen entwickelt wurden, existieren für Berufsmusiker jedoch bisher nicht. Deshalb unterstützt die Unfallkasse Sachsen ein innovatives Forschungsprojekt an der Dresdner Musikhochschule.

Hintergrund

In Musikerkliniken ist bekannt, dass chronische Überlastungssyndrome des Bewegungsapparates das weitaus häufigste medizinische Problem bei Berufskünstlern bilden. Betroffen sind Musiker aller Altersklassen. Auch bei Musikstudenten sind entsprechende Krankheitsbilder in einem Schweregrad zu beobachten, der die weitere Karriere in Frage stellt. Besonders gefährdet sind viel beschäftigte Orchestermusiker, Konzertmeister und Solisten. Als weitere Risikofaktoren werden konstitutionelle Besonderheiten wie eine Hypermobilität der Gelenke, Deformitäten der Wirbelsäule, orthopädische Vorerkrankungen und ein ungenügender allgemeiner Trainingszustand der Muskulatur vermutet. Die potentiell krankmachenden Faktoren sind eng an den Musiziervorgang und seine typischen Belastungen gebunden. Diese bestehen u.a. in dem ständigen Training identischer Bewegungsmuster, die in hoher zeitlicher und räumlicher Präzision mit hohem Automatisierungsgrad ablaufen und auch physiologisch schwächere Bereiche einbeziehen. Außergewöhnliche Anforderungen ergeben sich darüber hinaus durch die besonderen Bau- und Spielweisen der Instrumente mit einem hohen Anteil an asymmetrischen Körperhaltungen.
Da sich grundlegende Musiziergewohnheiten und Bewegungsmuster bereits in der Kindheit zu Beginn des Instrumentalspiels ausbilden (und dann oft lebenslang beibehalten werden), müssen Spielbewegungen in allen Stadien der Instrumentalausbildung einer systematischen Kontrolle und Korrektur unterzogen werden.

Spielbewegungen als Mittel der Klangerzeugung, als Persönlichkeitsausdruck und pathogenetischer Faktor

Nicht nur mit den erzeugten Klängen, sondern auch mit seinen Bewegungen spricht der Künstler mit den Zuschauern über sich selbst. Musizierhaltungen stehen im Dienste der Selbstdarstellung, Kommunikation und Selbstbestätigung, d.h. der Findung und Sicherung der Identität. Bewegungslernen ist ein zentraler Schwerpunkt der pädagogischkünstlerischen Arbeit und des Übens am Instrument.
Trotz der großen Bemühungen um eine gute Körperhaltung im Unterricht und während des Übens ist unverkennbar, dass bei Instrumentalisten auch weiterhin bestimmte ungünstige Bewegungsmuster in Erscheinung treten. Besonders bei Musikern, die wegen Beschwerden am Bewegungsapparat den Arzt konsultieren, fallen gehäuft Haltungsund Bewegungsbesonderheiten auf, wie z.B. Verspannungen im Schultergürtelbereich, unkontrollierte Mitbewegungen der mimischen Muskulatur, des Unterkiefers sowie andere Stereotypien, ein Hohlkreuz oder starres Becken. Die Auffälligkeiten sind in jedem Ausprägungsgrad und zum Teil bereits bei Musikschülern und Studenten zu beobachten.
Bewegungsauffälligkeiten sollten deshalb aus medizinischen und künstlerischen Gründen auf einer möglichst frühen Entstehungsstufe, d.h. vor ihrer Automatisierung, erkannt und korrigiert werden. Dazu bedarf es allerdings einer ausbildungsbegleitenden, systematischen Kontrolle des Bewegungsverhaltens von Musikern, die in dieser Form gegenwärtig nicht erfolgt.

Entwicklung eines standardisierten Bewertungssystems

Im Studienjahr 2003/2004 wurde die Schaffung eines standardisierten Bewertungssystems für die Qualität von Musizierbewegungen an der Dresdner Musikhochschule in Angriff genommen. Die Methode sollte Bewegungs- und Haltungsbesonderheiten systematisch und vollständig erfassen, anhand allgemeiner und spezieller Kriterien.
Als allgemein wurden Parameter bezeichnet, die den Eindruck vom gesamten Körper im Kontext mit der musikalischen Darbietung analysieren, als speziell v. a. solche, die die „kritischen Bereiche“ des Musizierens erfassen. Als besonders anfällig gelten hier (weitgehend unabhängig von der Art des Instruments) Nacken, Schultern und Kiefergelenk. Die ausgewählten Kriterien wurden in experimentellen Voruntersuchungen auf ihre Eignung getestet, indem Instrumentalvorträge von Musikstudenten durch eine interdisziplinär zusammengesetzte Expertenjury mittels einer 10-Punkte-Skala bewertet wurden.

Videoaufzeichnungen

Videoaufnahmen erlauben die wiederholte Betrachtung, Zeitlupen sowie Detail- bzw. Großaufnahmen und sind damit die Grundlage für alle interdisziplinären Diskussionen und experimentellen Untersuchungen.
Sie zeigen bestimmte Haltungsprobleme sehr klar und provozieren „Aha-Erlebnisse“ bei Spielern, die sich oft erstmals im Film sehen bzw. ihre Körperhaltung noch nie bewusst reflektiert haben. Hier offenbart sich ein großer Nachholebedarf der Instrumentalausbildung in Bezug auf eine wichtige Methode der Selbstkontrolle, die im Leistungssport seit Jahrzehnten routinemäßig genutzt wird.

Bestimmte Haltungs- und Bewegungsbesonderheiten lassen sich jedoch durch Videoaufzeichnungen nicht erfassen. So sind z.B. Verspannungen im linken Trapezmuskel (dem Auflagebereich der Violine) insbesondere bei üblicher Bekleidung praktisch unsichtbar, der kinästhetisch geschulte Geiger, wird sie jedoch spüren, insbesondere dann, wenn er gezielt danach gefragt wird.
Die Selbstbeurteilung durch den Spieler ist deshalb ein essentieller Bestandteil der Bewegungskontrolle.
Instrumentalisten, die über ihre körperliche Befindlichkeit beim Musizieren berichten müssen, sind gezwungen, sich über den Ablauf ihrer motorischen Funktionen und den Grad ihrer Zufriedenheit mit den eigenen Bewegungsmustern Rechenschaft zu geben. Die nachfolgende Möglichkeit der optischen Selbsteinschätzung erlauben ihnen den Vergleich ihrer kinästhetischen mit der optischen Wahrnehmung und gegebenenfalls die Entscheidung zu bestimmten Korrekturen, wobei die Dokumentation der Befunde es ermöglicht, Übeziele klarer zu definieren und Fortschritte zu kontrollieren.

Erste Ergebnisse

Frau am Klavier

Statistisch gesicherte Daten liegen noch nicht vor. Beispielhaft sollen die Ergebnisse einer Bewegungskontrollsitzung bei einer 19-jährigen Pianistin wiedergegeben werden, die sich wegen Beschwerden im linken Handgelenk in der Musikerambulanz vorstellte. Die Patientin war Preisträgerin im Landeswettbewerb von „Jugend Musiziert“ und stand unmittelbar vor dem Beginn eines Musikstudiums. In der Untersuchung erfolgte die Aufzeichnung des Vortrages der Rhapsodie op. 79 Nr. 1 von Johannes Brahms in vier Standardpositionen. Unmittelbar nach ihrem Vorspiel wurde die Pianistin gebeten, ihre gefühlsmäßige Einschätzung des eigenen Bewegungsverhaltens zu protokollieren. Nachfolgend wurde der Film der Patientin zwei Klavierpädagogen, zwei musikalischen Laien sowie einem Bewegungspädagogen und einem Arzt zur Bewertung anhand der vorgegebenen Kriterien dargeboten. Auch die Pianistin selbst wurde zur nochmaligen, jetzt optischen Bewertung ihres Vortrages aufgefordert. Das Bewegungsprotokoll offenbarte Auffälligkeiten im Bereich Schulter-Nacken, des Beckens und der mimischen Muskulatur, die interessanterweise der Musikerin selbst komplett nicht bewusst waren. Nach der Betrachtung des Videos korrigierte sie ihren Eindruck in zahlreichen Punkten und war über das Ausmaß des (tatsächlich nur in den Aufnahmen von hinten sowie von links seitlich gut zu sehenden) Schulterhochstandes links überrascht. Ebenso waren ihr die verspannt wirkenden Mitbewegungen im Unterkiefer vor allem an den Fortissimo-Stellen nicht bewusst, wie auch die Kippung der Beckenachse nach rechts bislang noch niemand bemerkt hatte. Das Ergebnis ihrer visuellen Beurteilung kam dann dem der Jury nahe.

Die ausgeprägten Unterschiede zwischen der ersten und der optisch kontrollierten zweiten Bewertung der Künstlerin selbst, deuten auf ein wenig geschultes kinästhetisches Empfinden hin. Die Schülerin hatte ihre Körperhaltung während des Spiels noch nie in allen Einzelheiten reflektiert, fand sie „prinzipiell o.k.“, und auch im Unterricht wurden diese Fragen bisher nicht näher thematisiert. Gleichzeitig wird aber die Fähigkeit der Pianistin zu einer kritischen Betrachtungsweise und zum spontanen Erkenntnisgewinn deutlich. Für die weitere künstlerische Entwicklung und für den Heilungsverlauf von Spielbeschwerden kann solchen Sitzungen deshalb die Bedeutung eines Schlüsselerlebnisses zukommen. Im vorliegenden Fall erschien als eigentlicher auslösender Faktor eine zwei Jahre zurückliegende Skiverletzung der linken Schulter und des rechten Kniegelenks. Die seitdem nie richtig verschwundenen Beschwerden hatten wahrscheinlich eine komplexe Veränderung des Körperbildes zur Folge, so dass die mit dem Klavierspiel verbundenen Belastungen auf eine ungünstige Ausgangsdisposition trafen.

Ausblick

Cellisten

Die qualitative und quantitative Bewegungskontrolle erlaubt die Beurteilung der individuellen Haltungs- und Bewegungsqualität beim Instrumentalspiel als Grundlage für pädagogische Interventionen bzw. als Maßstab für den persönlichen Übungserfolg. Gleichzeitig ist ein solches standardisiertes Bewertungs- oder Messsystem von experimenteller Bedeutung, da es eine wichtige Voraussetzung für die wissenschaftliche Überprüfung der Wirksamkeit präventiver Maßnahmen darstellt. Ein solcher Wirksamkeitsnachweis fehlt bis heute für praktisch alle, der an Musikhochschulen und Orchestern angebotenen weit über 50 verschiedenen Bewegungs-, Entspannungs- und Körpertechniken von Alexandertechnik bis Yoga und Zen, die auch für den Nutzer mit erheblichem finanziellen und zeitlichen Aufwand verbunden sind.

Die Ergebnisse der hier beschriebenen Untersuchungen lassen vermuten, dass Methoden, von denen langfristig tatsächlich ein präventiver Effekt zu erwarten ist, sich dadurch auszeichnen, dass sie bereits kurzfristig zu einer messbaren Verbesserung der Haltungs- und Bewegungsqualität führen. An der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ Dresden wird diese Hypothese gerade im Rahmen einer prospektiven Studie geprüft, die den Effekt eines Instrument bezogenen Feldenkrais-Trainings auf das Spielvermögen und die Bewegungsqualität von 20 fortgeschrittenen Violinstudenten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe untersucht.

Weitere experimentelle Untersuchungen sind an der Spezialschule für Musik und an verschiedenen Musikschulen geplant, denn die standardisierte Kontrolle der Haltungsund Bewegungsqualität erscheint auch geeignet, die Methoden der Haltungsschulung im Anfängerunterricht zu verbessern. Gerade dort erweist sich die erfolgreiche Bewältigung von Bewegungsproblemen oft als der Faktor, der über die Freude am Instrumentalspiel, die Schnelligkeit des Übefortschritts und vielleicht auch über das Berufsziel entscheidet.

Prof. Dr. Uwe Reinhardt
Der Autor ist Leiter des Instituts für Musikmedizin an der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ Dresden

Den vollständigen Beitrag finden Sie unter www.unfallkassesachsen.com im Menüpunkt Prävention, Stichwort: Kulturbetriebe

Mehr Informationen
Mehr Infos zu Prävention von Bühnenangst und Muskeln für Musik: www.fitmitmusik.de

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