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Lärm in Bildungseinrichtungen

i-Punkt Ausgabe 04/2005

Gesundheit

 

Ein Lern- und Gesundheitsproblem
Der Lärm in Schulen und Kindertagesstätten ist ein weit verbreiteter Störfaktor für das Unterrichts- und Gruppengeschehen und wurde aufgrund fehlender Gefährdungs- und Belastungsanalysen in Schulen und Kindertagesstätten stark vernachlässigt. Erst Forschungsergebnisse neueren Datums geben Aufschluss über Art und Ausmaß der Auswirkungen von Lärm und erregen entsprechende Aufmerksamkeit.

Die Lärmpegel übersteigen vielfach den festgelegten Grenzwert für Arbeitsplätze mit geistigen Tätigkeiten. Die Ursache liegt häufig in einer schlechten Raumakustik, in der der Schall nicht ausreichend absorbiert wird. Dieses ist aber Grundvoraussetzung für eine angemessene sprachliche Kommunikation mit kurzen Nachhallzeiten. Zu dieser Erkenntnis kam bereits 1999 eine Studie der Heriot Watt University in Edinburgh, die erstmalig die akustischen Arbeitsbedingungen in Klassenräumen untersuchte und dabei die Sprachverständlichkeit unter die Lupe nahm (http://www.classroomacoustics.com).

Lärmuntersuchungen

2001: Universität Bremen, Institut für interdisziplinäre Schulforschung (ISF) Befragung von über 1.100 Lehrkräften an Grundschulen

2002: Universität Oldenburg, Forschungen zur Psychoakustik von Lärm

2004: Universität Bremen/Bundesanstalt für Arbeitsschutz u. Arbeitsmedizin (BAuA) Untersuchung „Lärm in Bildungseinrichtungen“

Hier wird nachträglich schallabsorbierendes Material an der Decke einer Grundschule in Leipzig angebracht
Hier wird nachträglich schallabsorbierendes Material an der Decke einer Grundschule in Leipzig angebracht

Dass Lärm Auswirkungen auf das Lernverhalten und die Kognition von Kindern hat belegen die Forschungen zur Psychoakustik von Lärm an der Universität Oldenburg: Lärm beeinträchtigt die sprachliche Kommunikation sowie Aufmerksamkeits- und Gedächtnisfunktionen. Kinder haben unter so belastenden Bedingungen Lernschwierigkeiten. Unbestritten ist zudem, dass Lärm die Aggression fördert. In einigen Untersuchungen wurden klare Zusammenhänge zwischen dem Lärmpegel im Unterricht und körperlichen Stressreaktionen bei Lehrerinnen und Lehrern nachgewiesen. Der durchschnittlich gemessene Schallpegel in Klassenräumen und Kindertagesstätten verursacht zwar keine Hörschäden, wirkt sich aber auf Stimmapparat, Konzentration und Aufmerksamkeit eindeutig belastend aus. Die Folge sind fehlerhafte Kommunikation, Störung kognitiver Prozesse und gesteigertes Belastungsempfinden. Lern- und Lehrresultate werden beeinträchtigt.

In Schulen und Kindertageseinrichtungen erzeugen nicht einzelne Maschinen, sondern viele Menschen die Geräuschemissionen. Es entsteht ein sehr komplexes Schallmuster, bedingt durch ungenügende Absorption von Störgeräuschen, und durch Anheben der Stimme. Unter solchen Voraussetzungen kommen Raumrückwirkungen besonders negativ zur Geltung. Sie betreffen in akustisch nicht gestalteten Räumen aber nicht gleichartig alle Tonfrequenzen, sie wirken sich in dem für die sprachliche Verständigung wesentlichen Frequenzband von 250 bis 2.000 Hz wesentlich stärker aus.

Grundsätzlich beeinträchtigt hörbarer Schall durch Überlagerung die Kommunikation. Mit steigendem Schallpegel nimmt die Störung zu. Bei Kindern führt eine Behinderung der Kommunikation und der sprachlichen Orientierung zu einer Störung oder Verzögerung im Spracherwerb, denn Kinder können unvollständig verstandene Wörter weniger leicht ergänzen als Erwachsene. Sie müssen mehr kognitive Kapazität zur Decodierung des Gesprochenen aufwenden. Kommunikationsstörungen führen zu vorzeitiger Ermüdung und mindern die Ressourcen, die für das kurzfristige Behalten und die mentale Verarbeitung der Information zur Verfügung stehen. Außerdem neigen Erwachsene unter Lärm dazu, ein eingeschränktes Vokabular und eine eintönige Sprache zu verwenden. Damit vermindert sich der für den Spracherwerb wichtige Sprachrhythmus und die Betonung. Im Rahmen des Spracherwerbs ist für Kinder eine gute Verständigung aber essentiell.

Die Empfindlichkeit des menschlichen Gehöres ist keine konstante Größe. Für Erwachsene gilt eine Lärmgrenze von 85 dB(A), höhere Schallpegel gefährden das Gehör. Nach den Untersuchungen von Buch und Frieling vom Institut für Arbeitswissenschaften der Gesamthochschule Kassel, mit Unterstützung der Unfallkasse Hessen, wird in Kindertageseinrichtungen diese Grenze nicht selten überschritten. Die deutlich überwiegende Anzahl der Messungen ergaben Beurteilungspegel von über 80 dB(A) und weit über ein Drittel der Messungen erreichte Werte von 85 dB(A). Bei Kindern ist der gehörgefährdende Wert um 10 dB(A) niedriger anzunehmen. In den Schulen der Bremer Studie im Auftrag der BAuA 2004 wurden während des Unterrichts durchschnittliche Schallpegel zwischen 60 und 85 dB(A) gemessen. Diese Schallpegel sind deutlich zu hoch und entsprechen nicht den empfohlenen Höchstwerten von 55 (dB(A) für mentale Tätigkeiten.

Tatsächlich finden sich bei Kindern und Jugendlichen vermehrt Hörminderungen. 5 bis 10 Prozent der Kinder weisen schon bei der Einschulung Hörverluste auf. Ein Viertel aller Jugendlichen hat nicht reversible Hörschädigungen.

In Schulen und Kindertagesstätten besteht ein akustischer Sanierungsbedarf, der nur durch geeignete bautechnische Maßnahmen in Kombination mit pädagogischen Konzepten wirksam realisiert werden kann.

Wirkungen von Akustikdecken auf den Schallpegel

Vgl. Markus Oberdörster, Akustik in Bildungsstätten
Wirkungen von Akustikdecken auf den Schallpegel

Welche Möglichkeiten der Lärmprävention bestehen?

Bautechnische Maßnahmen

Eine raumakustisch gute Ausstattung der Unterrichtsräume in Schulen und den Räumlichkeiten in Kindertagesstätten ist Grundvoraussetzung für eine fehlerfreie Informationsübertragung; sie ist beurteilbar anhand der Nachhallzeit von Schallsignalen und anhand der Sprachverständlichkeit gesprochener Texte. Das Problem ist bereits erkannt, der Schall wird in geschlossenen Räumen mit ihren harten Oberflächen nicht schnell genug abgebaut, das Sprachsignal wird immer wieder reflektiert, während bereits neue Worte gesprochen werden. Der Effekt lässt sich vermeiden, wenn die Nachhallzeit in einem Klassenraum oder einem Gruppenraum auf 0,5 Sekunden und weniger beschränkt bleibt. Schallabsorbierende Materialien für den Decken- und Wandbereich sorgen hier für einen wirksamen und schnellen Schallabbau (siehe Bild 1).

Schallisolierung durch spezielle Dämmstoffe

im Außen- und Innenbereich In Neubauten als auch zur nachträglichen Verbesserung des Schallschutzes von bestehenden Gebäuden können beispielsweise Schalldämmungen durch speziell abgestimmte Mineralwolle-Dämmstoffe bewirkt werden. Unterrichtsräume in Schulen und Gruppenräume in Kindertagesstätten vor unzumutbarem Lärm von außen oder aus Nachbarräumen zu schützen, ist Aufgabe des baulichen Schallschutzes. Kostengünstiger ist selbstverständlich die Berücksichtigung des Schallschutzes vor dem Bau/Umbau als die nachträgliche Sanierung bestehender Gebäude.  Beim Bau oder der Sanierung von Bildungseinrichtungen sollte unbedingt die DIN 18041 „Hörsamkeit in kleinen oder mittleren Räumen“ berücksichtigt werden. Es gibt übrigens keine verbindlichen Richtlinien für Lärmprävention beim Bau von Schulen und Kindertagesstätten, das muss sich ändern!

Visualisierung der Lärmbelastung durch eine sogenannte Lärmampel
Visualisierung der Lärmbelastung durch eine sogenannte Lärmampel

Pädagogische Interventionen

Präventive Lärmminderung und Lärmvermeidung im Unterricht beginnt aber auch mit organisatorischen und pädagogischen Konzepten, die auf die Sensibilisierung der Lernenden abzielt. Lehrer und Erzieherinnen sind Multiplikatoren, die einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leisten können, in dem sie gemeinsam mit den Schülern/Kindern Strategien entwickeln, wie dem Lärm auch im Unterrichtsgeschehen wirkungsvoll nd nachhaltig begegnet werden kann. Lärmreduktion ohne Einbeziehung der Kinder und Schüler greift nicht; wichtig ist, dass die Kinder und Schüler selbst Erfahrungen machen, nur dadurch kann langfristig eine Sensibilisierung für die Lärmproblematik erreicht werden. Zu berücksichtigen ist, dass jüngere Jahrgänge in Schulen lauter sind als ältere. Die soziale Gruppendynamik ist ebenfalls ein Faktor bei der Entstehung von Lärm.

Gabriele Pielsticker

Die Autorin ist Aufsichtsperson der Landesunfallkasse NRW

Adressen, Infos, Tpps

Unterrichtsmaterialien:

  • Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Köln
    Lärm und Gesundheit – Materialien für 5.–10. Klassen (incl. CD), kostenlos
    Lärm und Gesundheit – Materialien für die 1.–4. Klassen (incl. CD), kostenlos
  • BZgA PC-Spiel „Radio 108,8“, ein in Zusammenarbeit mit dem „Projektkreis Schule
    des Hörens e.V.“ entwickeltes Computerspiel, das von der Initiative Hören e.V. unterstützt wird.
  • www.earaction.de
    Sehr empfehlenswertes kostenloses Download (auch als CD erhältlich) Aufklärungsmedium für Kinder und Jugendliche von 10 bis 20 Jahren. Mit animierten Darstellungen und experimentellen Teilen werden die Schall- und Lärmwirkungen messbar und empfindbar vermittelt. Es wird deutlich gemacht, in welch hohem Maß das Gehör durch unkontrollierten Musikgenuss geschädigt werden kann.
  • Umweltbundesamt
    Gehörgefährdung durch laute Musik und Freizeitlärm“, Reihe: WaBoLu-Hefte, Projekt: Nr. 96/05, 10,00 Euro
    „Laut ist out“, download unter www.bmu.de
  • Natur- und Umweltschutz-Akademie des Landes NRW (NUA)
    Siemensstraße 5, 45659 Recklinghausen (nua-lumbricus@nua.nrw.de) www.nua.nrw.de „Lärm-Untersuchung“ als Themenangebot der Ökomobile, variabler Einsatz vor Ort. Ergänzt und unterstützt das Angebot von Schulen zur Lärmthematik. Gute technische Ausstattung u. a. mit Schallmessgeräten. Veranschaulichung von Schwingungen mit PC/Notebook/ Großmonitoren und Arbeitsplätze im Fahrzeug zur Erstellung einer Isophonen-Lärm-Karte. Schüler messen z. B. Schallpegel und tragen die ermittelten Werte in eine Gesamtkarte ein (Daten als Grundlage zur Verhaltensänderung – sehr empfehlenswert).
  • UFU e.V. (unabhängiges Institut für Umweltfragen e.V. Berlin)
    „Hörsinniges“ – ein Filmprojekt, unterhaltsamer Einstieg in die Thematik des Schalls und des Hörens, kostenlos als Download unter www.ufu.de
    „Lärm macht krank“, Materialien für 5.–10. Klassen, 36 Seiten, mit zahlreichen Sachinformationen, Vorschlägen für die Unterrichtsgestaltung, Kopiervorlagen, 3,00 Euro plus Versankosten
  • Susanne Neyen: „Gut das du Ohren hast, gut das du hörst“, Anregungen für Vorschulkinder zum Thema Lärm unter www.ufu.de (unabhängiges Institut für Umweltfragen e.V.) 6,00 Euro
  • „Es ist zu laut“ – ein Sachbuch über Lärm und Stille von Stefan Marks, 9,45 Euro
  • Huber, Kahlert, Klatte (Hg.): Die akustisch gestaltete Schule, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht
  • Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) Fb 1030: „Lärm in Bildungseinrichtungen“ – Ursachen und Minderung
  • Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg in Stuttgart, (jovanovic@lga.bwl.de)
    „Freizeitlärm und Gesundheit“, 75 Seiten, ausführliche Information zum Thema Freizeitlärm und Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen, sowie Foliensatz, für Lehrkräfte kostenlos

Informationen im Internet

www.dasp.uni-wuppertal.de
www.baua.de (relevante Arbeitsschutzbestimmungen)
www.lua.nrw.de (Karten zum Geräusch-Screening)
www.laermkontor.de (Karten zum Geräusch-Screening)
www.ibs-akustik.de
www.dalaerm.de/home.htm (Deutscher Arbeitsring für Lärmbekämpfung)
www.dalaerm.de/rechner/start.htm (Lärm-Rechner)

Materialien

  • SoundEar, ca. 375,00/504,00 Euro – zu beziehen über Bruel & Kjar, www.soundear.de
  • Lärmampel, 399,00 Euro – zu beziehen über: Org-Delta GmbH, Postfach 1144, 73258 Reichenbach/Fils, www.org-delta.de

Wir sind für Sie da.

Unfallkasse Sachsen
Rosa-Luxemburg-Str. 17a
01662 Meißen

+49 (0)3521 7240
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