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Gitterstäbe und Maschendraht

i-Punkt Ausgabe 04/2007

Sicherheit

 

Riskante Umzäunungen vermeiden
In Kindertageseinrichtungen, Schulen, Sport- und Freizeiteinrichtungen sowie auf Spielplätzen findet man immer wieder gefährliche Zäune, an denen sich Kinder oder Jugendliche verletzen können. Die Träger der Einrichtung, zuständige Bauämter oder das Aufsichtspersonal sind sich der möglichen Verletzungsrisiken oft nicht bewusst.

Insbesondere bei Spiel- und Freizeiteinrichtungen ist es Aufgabe des Trägers, die sogenannte Verkehrssicherungspflicht zu beachten. Das heißt, die Anlage muss so sicher gestaltet sein, dass Gefährdungen möglichst vermieden und die Sicherheitsvorschriften berücksichtigt und eingehalten werden. Dazu gehört neben sicher begehbaren Verkehrswegen und Treppen auch eine sicher geplante, konstruierte und dauerhaft intakte Umzäunung bzw. Einfriedung. Deshalb muss sich der Bauplaner bzw. Betreiber bereits bei  der Planung Gedanken über die spätere Nutzung machen. Wir empfehlen grundsätzlich, die zuständige Fachkraft für Arbeitssicherheit des Trägers mit in die Planung einzubeziehen.

Kinder und Jugendliche sind besonders gefährdet, da sie einen besonders großen Bewegungsdrang haben und aus Spieltrieb, Unerfahrenheit und Leichtsinn oft nicht in der Lage sind, Gefahren einzuschätzen. Zudem neigen sie dazu, Verbote zu missachten. In Aufenthaltsbereichen von Schülern dürfen bis zu einer Höhe von 2,0 m (ab Oberkante Standfläche) und bei Kindertageseinrichtungen bis zu einer Höhe von 1,50 m keine spitzen bzw. hervorstehenden Teile vorhanden sein. Diese sicherheitstechnischen Schutzziele sind sowohl in der Unfallverhütungsvorschrift „Schulen“ (§§ 11 u. 14 GUV-V S1) als auch in den „Sicherheitsregeln Kindergärten“ aufgeführt (Abschnitt 3.3.3 GUV-SR 2002). Der Aufenthaltsbereich der Kinder muss mit mindestens 1,0 m hohen Einfriedungen umgeben sein. Wir empfehlen 1,50 m. Um ein Überklettern zu vermeiden, dürfen keine leiterähnlichen Aufstiegselemente vorhanden sein. Auch wenn keine konkreten gesetzlichen Vorgaben bezüglich der Höhe oder Gestaltung vorgeschrieben sind, muss der Unternehmer im Rahmen  einer Gefährdungsbeurteilung feststellen, ob die Umzäunung oder Einfriedung geeignet ist, und ggf. präventive Maßnahmen veranlassen (siehe auch Unfallbeispiele 3 und 4).

Besonders bei Schulen und Kindertageseinrichtungen, aber auch bei öffentlichen Freizeitanlagen, können hervorstehende Zaunteile quasi ins „Auge“ gehen. Vor Kurzem ereignete sich in einer Kindertageseinrichtung in Bayern ein tragischer Unfall, bei dem ein Kindergartenkind mit dem Gesicht auf ein hervorstehendes Zaunteil fiel. Das Kind erlitt dabei schwere und dauerhafte Augenverletzungen.

Bild 1 und 2: Stabgitterzaun – keine Gefährdung, abgeschirmte Enden
Bild 1 und 2: Stabgitterzaun – keine Gefährdung, abgeschirmte Enden

Bild 3 und 4: Stabgitterzaun – Gefährdung durch hervorstehende, offene Enden
Bild 3 und 4: Stabgitterzaun – Gefährdung durch hervorstehende, offene Enden

Bild 5: Stabgitterzaun – keine Gefährdung, Enden stehen nach unten. Achten Sie auf geringen Bodenabstand!
Bild 5: Stabgitterzaun – keine Gefährdung, Enden stehen nach unten. Achten Sie auf geringen Bodenabstand!
Bild 6: Stahlzaun mit gefährlichen Spitzen
Bild 6: Stahlzaun mit gefährlichen Spitzen

Zur Umzäunung bzw. Einfriedung von Grundstücken werden oftmals sogenannte Stabgitterzäune verwendet. Diese Zaunsysteme haben den Vorteil, dass sie kostengünstig und langlebig sind. In der Regel werden solche Gitterelemente verwendet, die an der einen Seite einen glatten Abschluss (Bild 1 und 2) haben und an der gegenüberliegenden Seite hervorstehende Stabenden (Bild 3 und 4). Um Verletzungen zu vermeiden, dürfen hervorstehende Enden in Aufenthaltsund Spielbereichen nicht nach oben herausragen. Nach unten, zum Boden ragende Enden (Bild 5) müssen bis in Bodennähe reichen. Leider fehlt dieser wichtige Sicherheitshinweis oft in der Aufbau- und Montageanleitung oder er ist den Bauplanern und ausführenden Firmen nicht bekannt. Auch wenn der Zaun sicher aufgestellt ist, bedarf  es je nach Beanspruchung einer regelmäßigen Wartung und Kontrolle. Bei stark beanspruchten Maschendrahtzäunen können sich beispielsweise die Drähte gefährlich hervorbiegen. Dabei ragen die Spitzen offener Drahtenden (Bild 7) nicht selten in den Aufenthalts- bzw. Bewegungsbereich spielender Kinder und Jugendlicher. Es besteht akute Verletzungsgefahr.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Zäune und Einfriedungen sorgfältig geplant und realisiert werden müssen. Dabei dürfen die Sicherheitsaspekte nicht außer Acht gelassen werden. Wichtig sind auch die Organisation und Durchführung der regelmäßigen Wartung und Kontrolle von bestehenden Umzäunungen.

Beispiele aus dem Unfallgeschehen

Unfall 1:

Jürgen rutschte beim Versuch ab, auf den Gartenzaun im Kindergarten zu klettern, und bohrte sich ein 2 cm langes Endstück einer Stange des Zaunes unter die Augenbraue des linken Auges.

Anmerkung:

Bei der Unfalluntersuchung stellte sich heraus, dass es sich um einen ca. 1,30 m hohen Stabgitterzaun handelte. Die freien Enden ragten unzulässigerweise nach oben! Der Träger bzw. das Bauamt hätten bereits bei der Planung des Zauns die mögliche Gefährdung erkennen müssen. Spätestens im Kindergartenbetrieb hätte das Personal jedoch die vorliegende akute Gefährdung für spielende Kinder erkennen und dies dem Träger melden müssen. Der Stabgitterzaun wurde nach dem Unfall gedreht, so dass die spitzen Enden gegen den Erdboden ragen und die glatte, ebene Seite nach oben steht.

Unfall 2:

Die Schüler tobten auf dem Pausenhof herum und warfen sich aus Spaß regelmäßig in den angrenzenden Ballfangzaun des Sportplatzes. Dabei fiel ein Schüler mit dem rechten Auge auf ein hervorstehendes Drahtende. Er wurde mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht.

Anmerkung:
Der Maschendrahtzaun war zunächst ordnungsgemäß aufgebaut und sicherheitstechnisch unbedenklich. Für die intensive (unsachgemäße!) Beanspruchung, durch das „Hineinwerfen“ der Schüler, war der Zaun allerdings nicht ausgelegt. Bei regelmäßiger Kontrolle hätte der Mangel jedoch rechtzeitig erkannt werden können. Auch die Pausenaufsichten hätten die Gefährdung erkennen können. Der Maschendrahtzaun war für die starke Beanspruchung als dauerhafte Lösung nicht geeignet.

Unfall 3:

Bild 7: Maschendrahtzaun – Gefährdung durch hervorgebogene offene Enden
Bild 7: Maschendrahtzaun – Gefährdung durch hervorgebogene offene Enden

Eine Schülerin, die über einen zirka 1,80 m hohen Stabgitterzaun klettern wollte, riss sich einen Ringfinger ab.

Anmerkung:
Das Mädchen blieb mit seinem Ring an einem 3 cm hervorstehenden Stabende hängen. Als sie mit den Füssen abrutschte, verfing sich der Ring an einem Stabende. Damit lastete das gesamte Körperwicht auf dem Finger, der dadurch abriss. Der Finger konnte nicht mehr angenäht werden und musste amputiert werden. Der Unfall geschah nach Schulschluss. Die Sportanlagen der Schule waren allseitig eingezäunt. Es stellte sich jedoch heraus, dass bekannt war, dass Jugendliche hier häufig versuchten auch außerhalb der Schulzeiten in die umzäunten Sportanlagen zu gelangen.

Das aktuelle Urteil:

Der Fall: Ein sechsjähriger Junge hatte mit seinen Freunden auf einem Bolzplatz gespielt, der an einen Kindergarten grenzte. Das Gelände war mit einem ca. 1,70 m hohen Zaun umgeben, der oben mit zwei bis fünf Zentimeter langen, scharfen Metallspitzen abschloss.

Als eines der Kinder versehentlich das Leder über den Zaun schoss, wollte der Sechsjährige den Ball vom Kindergartengelände zurückholen. Bei dem Versuch, über den Zaun zu klettern, rutsche er ab und fiel in die spitzen Metallstreben. Die Eltern des Kindes verklagten den Kindergartenbetreiber auf Schmerzensgeld.

Das LG Thüringen entschied wie folgt: Grundstückseigentümer seien normalerweise nur solchen Personen gegenüber verkehrssicherungspflichtig, die sich befugt auf ihrem Grund und Boden aufhielten. Speziell bei Kindern könnten aber auch bei unberechtigtem Betreten eines Grundstücks Schutzpflichten bestehen.

Aus Spieltrieb, Unerfahrenheit und Leichtsinn seien Kinder oft nicht in der Lage, Gefahren zutreffend einzuschätzen. Zudem neigten sie dazu, Verbote zu missachten. Wer ein Grundstück besitze, bei dem verstärkt mit einem unbefugten Betreten durch Kinder zu rechnen sei, müsse deshalb besondere Schutzvorkehrungen treffen.

Im vorliegenden Fall hat der Kindergartenbetreiber gewusst, dass auf dem angrenzenden Bolzplatz häufig Fußball espielt wurde. Für ihn sei daher vorhersehbar gewesen, dass ein Ball in das umzäunte Gelände fallen und Kinder sich bei dem Versuch, ihn zurückzuholen, an dem gefährlichen Zaun verletzen könnten. Deshalb hätte er die scharfen Metallspitzen beseitigen müssen.

Dies habe der Grundstückseigentümer versäumt und damit seine Verkehrssicherungspflicht verletzt. Die Richter verurteilten ihn zur Zahlung eines Schmerzensgeldes in Höhe von 3.600 Euro.

 

Holger Baumann

Der Autor ist Aufsichtsperson beim Bayer. GUVV.
Nachdruck aus Unfallversicherung aktuell mit freundlicher Genehmigung des Bayer. GUVV.

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