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Jeder Fünfte ausgebrannt?

i-Punkt Ausgabe 04/2007

Gesundheit

 

Soziale Gefährdungsbeurteilung im Sozialamt
Zeitdruck ohne Ende. Mehr Arbeit mit immer weniger Personal. Aggressive Kunden, die mit Beleidigung, Sachbeschädigung, gar Tätlichkeiten reagieren. Da kommt, was kommen muss: Frust und emotionale Erschöpfung. Was die Untersuchung in einem städtischen Sozialamt zutage brachte, lässt aufhorchen.

Die Entwicklung der Erwerbsarbeit ist charakterisiert durch sich verändernde Arbeitsanforderungen. Der Anteil manueller Produktionstätigkeiten nimmt ab. Geistige Tätigkeiten, Mischarbeitsformen sowie Pflegetätigkeiten prägen immer stärker die Berufsbilder. Letztere finden sich in verschiedenen Zweigen der kundenorientierten Dienstleistung, dazu zählt auch der Verwaltungsbereich.

Warum nehmen diese Gefahren zu?

Kennzeichnend für diese Arbeit sind hohe Fallzahlen, die mit immer weniger Personal in kürzester Zeit zu bearbeiten sind. Gleichzeitig wächst die zu berücksichtigende Informationsmenge pro Fall. Hinzu kommt ein hoher Erwartungsdruck der Kunden, der sich bei Nichterfüllung immer häufiger in Aggressionen gegenüber den Beschäftigten entlädt – in erster Linie in Form psychischer, d.h. vor allem verbaler Gewalt, aber leider auch schon durch Tätlichkeiten. So geschehen in einem sächsischen Sozialamt.

Wer untersucht psychosoziale Belastungen?

Unternehmen sind verpflichtet, Gefährdungsbeurteilungen an den Arbeitsplätzen durchzuführen und zu dokumentieren, schriftlich ab 10 Arbeitnehmer. Dazu zählen neben den Analysen zu klassischen Arbeitsschutzfaktoren wie Lärm, Klima, Beleuchtung auch entsprechende Untersuchungen psychosozialer Gesundheitsrisiken. Letztgenannte Gefährdungen erfahren häufig noch eine nachrangige Bedeutung. Ursachen  dafür sind methodische Probleme, schwer zu ergründende Ursache-Wirkungs-Beziehungen und fehlende Möglichkeiten bzw. Zeitgründe, eigenes und geeignetes Personal für diese wichtige Aufgabe freizuschalten.

Deshalb war es das Anliegen eines Kooperationsprojektes, ein Sozialamt bei dessen psychosozialer Gefährdungsbeurteilung zu unterstützen. Neben der Unfallkasse Sachsen war ein Regierungspräsidium, Abteilung Arbeitsschutz – als staatliche Aufsichtsbehörde –, beteiligt. Ein geeignetes Instrumentarium wurde zur Verfügung gestellt, und gemeinsam mit den Arbeitsschutzfachkräften der Stadt wurden die Daten erhoben, ausgewertet und interpretiert.

Gefährdungsbeurteilung – aber wie?

Leistungs- und Gesundheitsförderung ist das Ziel. Die Untersuchung verfolgte sowohl in der Analyse als auch in der Gestaltung einen ganzheitlichen Ansatz, d. h., es wurden technische, organisatorische und beschäftigtenbezogene Daten erfasst. Für die Analyse klassischer Arbeitsschutzfaktoren kamen in Beobachtungsinterviews und mündlichen Interviews drei inhaltlich verschiedene Erhebungsbogen zum Einsatz, mit denen standortbezogene, arbeitsplatzbezogene Daten sowie Daten zur Arbeitsschutzorganisation erhoben wurden. Speziell die Ermittlung der klassischen arbeitsplatzbezogenen Gefährdungen erfolgte an nahezu allen Arbeitsplätzen dieses Sozialamtes. Die anonyme Datenerhebung der psychosozialen Gefährdungen unter den Beschäftigten wurde mit einem Fragebogen und einem Interviewleitfaden durchgeführt. Die Methoden fußen auf wissenschaftlich gesicherten arbeitspsychologischen Erkenntnissen.

Teil 1 der schriftlichen Befragung von Mitarbeitern und Vorgesetzten widmete sich dem Arbeitserleben. Dazu zählen an Arbeitsbelastungen: Arbeitsinhalt, Arbeitsorganisation, Weiterbildung, Zusammenarbeit im eigenen und außerhalb dieses Arbeitsbereiches (einschließlich Führungstätigkeit), Arbeit mit Bürgern/Kunden (einschließlich Fragen zum gewalttätigen Verhalten der Bürger; zu Gewalt zählen die Autoren: psychische, d. h. verbale und nichtverbale Gewalt, körperliche Übergriffe, Sachbeschädigungen und strukturelle Gewalt aufgrund der Hierarchisierung der Unternehmensstruktur).  

Der 2.Teil des Fragebogens bestand aus drei bereits mehrfach eingesetzten und validierten Skalen mit Normwerten: Erholungsunfähigkeit, emotionale Erschöpfung (als der entscheidende Faktor für Burnout) und psychosomatische Beschwerden als subjektive Auswirkungen der erlebten Arbeitsbelastungen auf die psychische Gesundheit.  

Im Teil 3 wurden Aktivitäten zu Stressbewältigung und Lebensgewohnheiten erfasst.

An der schriftlichen Befragung waren 136 Beschäftigte (Rücklaufquote von reichlich 50 %) und an den mündlichen Interviews 40 Beschäftigte beteiligt. Damit die Umgestaltungsmaßnahmen besser von den Beschäftigten akzeptiert werden, hat es sich methodisch bewährt, sie als Experten ihrer Tätigkeit und als Erfahrungsträger um konkrete Verbesserungsvorschläge zu bitten, wovon auch reger Gebrauch gemacht wurde.

Gestaltungsdefizite sichtbar

Die programmtechnische Auswertung der erhobenen Daten erfolgte mit einer Software für sozialwissenschaftliche Daten (SPSS) durch das Sächsische Staatsministerium für Wirtschaft und Arbeit. Im Sozialamt war man bisher im Arbeitsschutz nicht tatenlos. Dennoch zeigten sich im Ergebnis dieser Untersuchung noch Mängel, wie häufige Störungen bei der Arbeit (u.a. durch PC-Ausfall oder amtsinterne operative Sofortaufgaben), ungenügende Vor- und Nachbereitungszeit für Fall-Bearbeitungen außerhalb der Sprechzeit, zu wenig Arbeitsrückmeldungen durch Vorgesetzte und fehlende Anerkennung.

Die Präsenz des Wach- bzw. Sicherheitsdienstes im Falle aggressiver Bürger wurde teilweise als unzureichend eingeschätzt. Alleinarbeitsplätze, außerhalb von Ruf- und Sichtweite, waren zumindest außerhalb der Kernarbeitszeit nicht völlig auszuschließen, und es bestand gerade in Abteilungen mit überwiegend Bürgerkontakt Nachrüstungsbedarf an personenbezogenen Notrufsystemen. Randale im Arbeitsumfeld und verbale Bedrohungen werden als die häufigsten Formen der Gewalt wahrgenommen. Für eine Vielzahl erlebter Arbeitsbedingungen und erlebter Arbeitsanforderungen konnten statistisch gesicherte Zusammenhänge mit dem psychischen Befinden nachgewiesen  werden. Derartige Bedingungen, die nicht nur als Mängel, sondern zugleich auch als relevant für psychische Gesundheit ausgewiesen wurden, sind die Schwerpunkte arbeitsgestalterischer Veränderungen. Allein das Ergebnis, dass rund ein Fünftel der Befragten kritische Werte der emotionalen Erschöpfung als dem entscheidenden Signal für (drohendes) Burnout (Ausbrennen, psychische Erkrankung mit Langzeitausfall) aufweist, unterstreicht die unbedingte Notwendigkeit von Veränderungen im Arbeitsprozess. Nachgewiesen wurde auch mit statistischer Signifikanz: Je mehr Freude die Arbeit macht, umso geringer ist die emotionale Erschöpfung. Und damit dürfte auch die Arbeitsleistung steigen.

Belastung steigt mit den Jahren

Bedeutsam für die Arbeitsorganisation und die Personalpolitik ist folgendes Ergebnis: Für Beschäftigte über 40 Jahre und für Beschäftigte mit zunehmender Beschäftigungsdauer in der jetzigen oder in früherer ähnlicher Tätigkeit nehmen die psychischen Beeinträchtigungen zu. Der nachgewiesene Zusammenhang zwischen Beschäftigungsdauer und psychischer Gesundheit gilt vor allem für jene Beschäftigte mit häufigem Bürgerkontakt. Es stellt sich also die Frage, wie lange darf man Beschäftigte im häufigen unmittelbaren Bürgerkontakt in der sog. „ersten Reihe“ belassen, um erhebliche Leistungseinschränkungen und psychische Erkrankungen zu vermeiden?! Wäre hier das bekannte, aber leider bisher wenig realisierte Arbeitsorganisationskonzept der „job rotation“ eine mögliche Lösung?

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Nachnutzung gewünscht

Über die Untersuchungsergebnisse wurden die Beschäftigten informiert. Die Umsetzung des Maßnahmeplanes wird von der staatlichen Arbeitsschutzbehörde und der Unfallkasse im Rahmen der jeweiligen Zuständigkeiten begleitet, durch Überwachungs- und Beratungsaufgaben und durch die Realisierung von Seminaren wie zur Führungstätigkeit und zur Deeskalation. Die Barmer Ersatzkasse bietet für alle Beschäftigten Kurse zur Stressbewältigung an, zur Bewegung und Ernährung.

Die Untersuchung zeigt, dass es sehr nutzbringend ist, werden Gefährdungsanalysen im Arbeitsprozess ganzheitlich durchgeführt, die Methoden sowohl zur Erhebung „klassischer“ als auch psychosozialer Gefährdungen verknüpft und die Ergebnisse komplex bewertet.

Die eingesetzten Methoden sollen weiterentwickelt und zur Nachnutzung angeboten werden. Es ist vorgesehen, speziell aus dem Fragebogen für die Beschäftigten von autorisierter Stelle ein Instrument erarbeiten zu lassen, das im Rahmen von Beobachtungsinterviews eine objektive, bedingungsbezogene Analyse und Gestaltung mit vertretbarem Aufwand erlaubt. Es geht nicht um die Entwicklung eines Fragebogens für schriftliche Mitarbeiterbefragungen. Geplant ist dieses Instrument vor allem für die Anwendung in der kundenorientierten Dienstleistung im unmittelbaren Bürgerkontakt. Eingesetzt werden kann das gesamte Methodeninventar von Personen, die im Arbeitsschutz tätig und arbeitswissenschaftlich vorgebildet sind, wie von Beschäftigten der staatlichen Arbeitsschutzbehörden und Unfallversicherungsträgern, aber auch von Unternehmen/Einrichtungen/Institutionen selbst – durch den dortigen Arbeitssicherheitstechnischen Dienst, durch Sicherheitsfachkräfte und Betriebsärzte.


Heike Merboth

Wir sind für Sie da.

Unfallkasse Sachsen
Rosa-Luxemburg-Str. 17a
01662 Meißen

+49 (0)3521 7240
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