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Wenn der Job psychisch krank macht

i-Punkt Ausgabe 02/2008

Gesundheit

 

Jedem ist klar, dass giftige Dämpfe, Lärm oder Staub die Gesundheit gefährden. Doch enge Termine, Berge von Akten und schlechtes Arbeitsklima tun dies ebenso. Die Zahl der Männer und Frauen, die durch den Beruf an psychischen Störungen erkranken, steigt seit Jahren. Bisher waren die Methoden, solche Gefährdungen aufzuspüren und zu beurteilen, vielfach ungeeignet oder wenig praktikabel. Ein neuer Handlungsleitfaden soll helfen.

 

Jeder dritte Deutsche hat einmal im Jahr psychische Probleme. Jeder Sechste erlebt Ängste und jeder Zehnte Depressionen. Arbeitsbedingte psychische Gesundheitsgefahren sind auf dem Vormarsch. Schon heute ist fast ein Zehntel aller Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage) psychisch bedingt. AOK-Statistiken belegen einen deutlichen Anstieg der psychischen Erkrankungen bei den AU-Fällen und den AU-Tagen. Während alle übrigen Krankheitsarten seit 1998 sanken. Die Unfallkasse untersuchte die psychische Belastung der Beschäftigten in einem sächsischen Sozialamt. Ein Fünftel der Befragten wies kritische Symptome emotionaler Erschöpfung auf, das Kernsymptom des Burnout (Ausbrennen). Jeder, der schon einmal psychische Beeinträchtigungen erlebte, weiß dass dann die Leistungsfähigkeit sinkt und die Konzentrations- und Merkfähigkeit zurückgehen. Psychische Erkrankungen sind oftmals durch längere Ausfallzeiten gekennzeichnet als andere Erkrankungen. In Zeiten sinkender Personalbestände nehmen die gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu. Doch damit nicht genug. Tausende verlieren ihre Erwerbstätigkeit wegen psychischer und Verhaltensstörungen für immer und müssen vorzeitig in Rente (s. Grafik ).


Psychische Fehlbelastungen bringen Leistungsverluste Im Dienstleistungssektor nehmen geistige Tätigkeiten mit Bürgerkontakt zu. Damit wächst die Bedeutung der psychosozialen Belastungen für Leistung und Gesundheit (s. Grafik).


Beschäftigte mit Bürgerkontakt unterliegen einer ständigen Forderung nach freundlichem, kundenorientiertem Verhalten und müssen dafür ein hohes Maß an Emotionsarbeit aufbringen. Hinzu kommen eine steigende Arbeitsverdichtung und eine Zunahme der Informationsmenge pro Fall. Die Komplexität und Vielschichtigkeit der Fälle erfordern mehr Zeit für die Bearbeitung. Die Beschäftigten müssen häufiger mit anderen Abteilungen zusammenarbeiten, was ein hohes Maß an Organisationsfähigkeit und sozialer Kompetenz fordert.

 

Die Folge: Die materiellen Leistungen für die Bürger sinken, im Gegensatz zu deren Erwartungen. So entlädt sich nicht selten Enttäuschung in verbaler Aggression bis hin zu körperlicher Gewalt. Die Beschäftigten fühlen sich einem erheblichen emotionalen Druck ausgesetzt; sie befinden sich in einem Rollenkonflikt. Einerseits können sie als Behördenmitarbeiter die Gelder nur entsprechend der Vorgaben verteilen, sehen sich aber andererseits in einer Helferrolle für den Bürger.

 

Arbeitgeberpflicht: Psychosoziale Gefährdungsbeurteilung


Das Arbeitsschutzgesetz verpflichtet Arbeitgeber, sich um arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren und damit auch um psychosoziale Gefährdungen im Arbeitsprozess zu kümmern. Ganz konkret bedeutet das, Gefährdungsbeurteilungen durchführen und die Ergebnisse dokumentieren. Personalreduzierung und Arbeitsverdichtung sind ebenso psychosoziale

Gefährdungen wie die massive Einschränkung zeitlicher Handlungsspielräume oder die Aggressivität durch Bürger. Diese oder andere psychosoziale Arbeitsbelastungen müssen systematisch aufgedeckt und abgebaut werden. Dabei beraten und unterstützen die staatlichen Arbeitsschutzbehörden oder die Unfallversicherungsträger den Arbeitgeber. Mangels geeigneter Methoden wurden aber bisher psychosoziale Arbeitsbelastungen nur ungenügend untersucht. Vor allem für Tätigkeiten mit direktem Bürgerkontakt gibt es kein geeignetes Verfahren, welches das Spektrum an Arbeitsanforderungen abdeckt. Die etablierten Methoden sind überwiegend sogenannte subjektive Verfahren, also schriftliche Mitarbeiterbefragungen, die in Durchführung und Auswertung sehr aufwendig sind und oft eine geringe Rücklaufquote aufweisen. Für den Einsatz durch Laienpsychologen sind sie wenig hilfreich. Deshalb wurde im Ergebnis der umfangreichen Untersuchung in einem sächsischen Sozialamt und auf der Basis vorliegender empirischer Erkenntnisse zu psychologischer Arbeitsgestaltung ein objektives bedingungsbezogenes Verfahren – also keine Mitarbeiterbefragung – entwickelt. Es kann im Rahmen von Beobachtungsinterviews eingesetzt werden. Arbeitgeber können es zur Gefährdungsbeurteilung nutzen und Aufsichtspersonen der Unfallkassen als Handlungshilfe zur Kontrolle. Geeignet ist die Methode für Dienstleistungen mit Bürgerkontakt, wie sie in der öffentlichen Verwaltung in Arbeits-, Jugend-, Sozial- und Ordnungsämtern anzutreffen sind oder in Servicebereichen von Energie- und Wohnungsunternehmen, Versicherungen oder Sparkassen. Ausgenommen sind ärztliche und Pflege-Tätigkeiten. Ausgehend vom ganzheitlichen Ansatz T-O-P werden mit dem Verfahren auch die „klassischen“ Gefährdungen untersucht, wie technische, ergonomische oder organisatorische Bedingungen. T steht für Technik, O für Organisation und P für Person und Verhalten. Folgendes wird mit dem Handlungsleitfaden konkret analysiert: Arbeitsschutzorganisation der Institution, standortund arbeitsplatzbezogene „klassische“ Gefährdungen sowie psychosoziale Arbeitsbelastungen, wozu Arbeitsinhalt/Arbeitsorganisation, Zusammenarbeit/soziales Klima/ Führungstätigkeit und Gefährdungen durch Bürger/Kunden zählen. In der Einheit von Analyse- und Gestaltungsmethode werden mit diesem bedingungsbezogenen Verfahren Gefährdungen und deren Behebungsmöglichkeiten aufgezeigt. Die Methode dient damit nicht nur der Analyse von Gefährdungsfaktoren, sondern es können aufgrund der Ergebnisse direkt Maßnahmen abgeleitet werden; die Methode ist somit auch als Instrument der Prävention zu verstehen. Der Handlungsleitfaden besteht aus einer Checkliste und einem Maßnahmenkatalog.

 

Heike Merboth

 

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